Die Pfingstsequenz
Geistlicher Vortrag am 06.12.2010 in Bochum-Stiepel
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Das ist ein Text nicht nur für die Pfingstzeit, sondern auch für den Advent. Das Schlüsselwort heißt hier wie da:
Komm! Komm Gott, komm heiliger Geist. Wer komm ruft, hat etwas "auf dem Herzen"; er ist "arm" im Sinne der Bibel, ist bedürftig,
ist selber noch nicht am Ziel, ist noch auf dem Weg - und darum ruft er. Er hofft, er bittet, er ist voller Erwartung.
Ich denke an das Gebet der Töpfer von Taizé: Herr, mache mich zu einer Schale. Wir sind wie eine Schale, geöffnet nach
oben und hoffen darauf, gefüllt zu werden. Wir hoffen darauf, dass jemand etwas in uns hineinlegt: gute Gaben, eine Kraft, die wir
nicht von selber in uns vorfinden. Wer komm sagt, fühlt sich wie ein "Bettler" mit hingestreckter Hand: ähnlich wie Martin Luther
auf dem Sterbebett: Wir sind Bettler, das ist wahr. Er ist nicht selbstzufrieden, satt und selbstgenügsam - vielmehr ist er
sehnsüchtig, spürt, dass ihm jemand / etwas fehlt - und dass dieses Fehlen eine Not ist, vielleicht sogar für einen inneren
Zwiespalt und Abgrund steht, für eine grundsätzliche "Wunde unserer Existenz". Also nicht nur für ein oft lösbares Problem,
eine akute Krankheit oder das Gefühl von Einsamkeit oder Mutlosigkeit. Es steht für etwas, für das eigentlich nur die Religion
eine Sprache hat: die Sehnsucht nach Heil und Sinn, nach Erlösung, nach dem "wahren Leben" - nach Gott.
Papst Benedikt XVI. drückt das in seinem Interview "Licht der Welt" so aus (S. 82): "Die Menschen erkennen, dass die Existenz, wenn Gott
nicht da ist, krank wird und der Mensch so nicht bestehen kann. Dass der Mensch eine Antwort braucht, die er selber nicht geben kann. Insofern
ist auch unsere Zeit eine adventliche Zeit!"
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Der Hymnus führt uns in eine Zeit, die meilenweit zurückliegt: in das Mittelalter. Aber ich bin immer wieder überrascht, wie
"frisch" die Worte sind, die wir da singen und beten. Die Erfahrungen von damals sind alles andere als überholt; nur die Beispiele, die
diese Grunderfahrungen illustrieren, verändern sich.
Seit dem 9. Jahrhundert kamen verschiedene liturgische Hymnen für die Pfingstliturgie auf. Der berühmteste ist "Veni creator spiritus"
des Mainzer Erzbischofs Hrabanus Maurus. Drei Jahrhunderte später wirkt Stephan Langton, 1150-1228, eine wirklich europäische
Persönlichkeit, pendelnd zwischen England und Frankreich, Oxford und Paris. Wissenschaftler, Theologe, Magister und Kanzler der Universität
Paris, später Kardinal und Erzbischof von Canterbury - und eben Dichter. Er lebt in sehr bewegten Zeiten, wird Zeuge blutiger heiligen Geist auf
der Spur war, in dem großartigen Gedankengebäude, das man später "Scholastik" nannte, wie in den religiösen Aufbrüchen
zwischen dem hl. Bernhard von Clairvaux und z.B. Meister Eckhart, zwischen Philosophie und Mystik.
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Der Adressat des Rufes komm ist nun der heilieg Geist. Kein Wort darüber wird spekuliert, wer er genau ist, in sich und für sich. Langtons
Poesie ruft zu ihm hin - aber definiert ihn nicht. Die Dreizeiler in staunender, rhythmischer, sprachlich ganz prägnanter Dichte, die aufeinander
folgen - darum Sequenzen - sagen eher, was sie von ihm erhoffen - was er in der singenden und feiernden Gemeinde bereits gewirkt hat und weiter wirken
möge. Aber so ist es ja auch mit der biblischen Sprache vom heiligen Geist; sie freut sich an seinen Wirkungen, an seinen Gaben, an seinen
Früchten. Er selber bleibt im Geheimnis. Aber er kommt in den Blick und in den Ton als helfende, aufrichtende Kraft: als Fülle in der
menschlichen Leere, aus der Höhe wirkt er in die tiefen menschlichen Abgründe hinein, als Licht scheint er in das verdunkelte Leben. Die
Pfingstgemeinde hat dies erfahren, hat den Atem Gottes erfahren, der neues Leben schafft - spricht vom Wind und Sturmgebraus - hat einen Mut und eine
Kraft erfahren, die durch die Jahrhunderte weht, ins Mittelalter hinein und auch in unsere Zeit hinein, die oft so gott- und geistlos erscheint und
dennoch pfingstlich ist.
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Komm, heiliger Geist! Das Heilige wird angesprochen. Wir hören das Wort heute in einer säkularisierten, profanen Welt unter der Herrschaft der
Wissenschaften, der Wirtschaft und des Konsums. Das Heilige versteht sich nicht mehr von selbst - anders als im Mittelalter. Was könnte die
Begegnung mit dem Heiligen bedeuten? Vielleicht das Heraustreten aus der alltäglichen Welt, aus dem Schaffen und Arbeiten, aus dem Selbstverständlichen
und Geheimnislosen, aus den allzu vertrauten Abläufen. Die Rede vom Heiligen schafft eine Distanz, einen Raum der Freiheit, einen festlichen Glanz,
schafft z.B. den Sonntag: "Es muss doch mehr als alles geben", heißt es in einem Kinderbuch. Bildlich gesprochen: Wir schauen auf nach oben, hin zu
Gott, dem Allein-Heiligen. Und das tut auch unser Hymnus: "Aus des Himmels Herrlichkeit sende deines Lichtes Strahl!" Die Erfahrung war und ist also: In uns
ist es dunkel, aber Du bist das Licht. Wir sind gebunden - wie in Ketten -, aber du kannst befreien.
Stellen Sie sich im Mittelalter die großen gotischen Kathedralen vor: Chartres oder Reims oder Notre Dame in Paris. Die Menschen kamen aus ihren rauchigen
und zugigen armseligen Hütten und dunklen Häusern dorthin: ins Abbild des himmlischen Jerusalem, ins Licht, das durch die bunten Fenster fiel. Was
für eine Weite, Herrlichkeit, Freiheit, Schönheit! Wie anders der Alltag mit seiner Enge, seinen Zwängen, seiner Armseligkeit! Der heilige Geist
passte zu dieser sinnlichen Erfahrung: als geschenktes Licht, als Distanz zur Enge und Hinfälligkeit des Daseins, als transzendierende, Grenzen
übersteigende Kraft. Nach ihm sehnten sich die, die den Hymnus sangen. Und wir sehnen uns mit, noch heute. "Aus des Himmels Herrlichkeit...": Wir rufen nach
dem Licht, damit nicht die Dunkelheit das Sagen hat. Wir rufen nach dem Himmel, damit nicht das Irdische uns in Beschlag nimmt. Wir rufen nach der Herrlichkeit,
damit nicht die Ohnmacht und Verlorenheit uns prägt.
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Nun die zweite Strophe:
"Komm, Vater der Armen, komm, Spender der Gaben, komm, Licht der Herzen.", so wörtlich und ungereimt übersetzt. Ungewohnt, das Vater-Wort für den
heiligen Geist! Wie blass und abstrakt bleibt oft die Rede vom Gottesgeist! "Vater" dagegen: Damit verbinden wir ein Gesicht, ein du. "Abba", sagt Jesus, und er
erzählt die Geschichte vom barmherzigen Vater und verlorenen Sohn. Komm, Vater der Armen. Der Geist erschließt uns den Vater, ist so sehr Brücke
zum Vater, dass er hier selbst "Vater" genannt wird im Sinne der Barmherzigkeit, des Erbarmens. Und wir: die verlorenen und gefundenen Söhne und Töchter.
Die Armen. Nicht die Satten rufen nach ihm, die alles haben und alles selber hinkriegen und nichts brauchen. Nicht die, die sich im eigenen Reichtum ausruhen.
Die Armut hat viele Formen und Gesichter. Natürlich gehört Mangel an Geld, an Möglichkeiten dazu. "Arme sind die, denen niemand zuhört", sagt
man in Lateinamerika. Für viele unter uns ist Altwerden eine Gestalt der Armut: "Überall scheint es abzubröckeln," sagte mir ein Achtzigjähriger.
Grenzen sind zu spüren - der Gesundheit, der Belastbarkeit, der Aktionskreis wird zunehmend kleiner. Die Hartz-4-Leute, die Alten, die Beziehungs- und Kontaktarmen,
die Verelendeten der ganzen Welt - in allen wohnt mehr oder weniger deutlich eine Sehnsucht, eine Erwartung. Dazu in den "Armen im Geist", von denen die
Seligpreisungen Jesu sprechen. Es sind die, die wissen: Mit leeren Händen stehen wir vor Gott. So rufen wir zum "Vater aller Armen" und schließen uns darin
der "Option für die Armen" an, die in der heutigen Kirche, vor allem in der sogenannten Dritten Welt, versucht und gelebt wird. Unser Herz kann bei diesen Worten
des Hymnus sich öffnen für die, die "Not leiden". Schon beim Propheten Ezechiel verheißt der Geist, dass unser "Herz aus Stein" umgewandelt wird in ein
neues Herz "aus Fleisch", das mitempfindet und nicht kalt und teilnahmslos bleibt angesichts der Nöte. Aber es bleibt auch ein Stachel in diesem "Herz aus Fleisch",
dass unsere Kräfte so begrenzt sind und wir oft so wenig ausrichten können.
"Licht der Herzen", "aller Herzen Licht und Ruh": was der Geist bewirken kann in den widrigsten Situationen der Armut und des Leids, etwa im Gefängnis mit Aussicht
auf Hinrichtung, hat uns Dietrich Bonhoeffer vorgesprochen, vorgesungen in seinem "Hymnus":
Von guten Mächten wunderbar geborgen,
erwarten wir getrost, was kommen mag.
Gott ist mit uns am Abend und am Morgen
und ganz gewiss an jedem neuen Tag.
Bonhoeffer wusste um den "Geber der Gaben" und war darum so stark in der Hoffnung. Die Tradition versteht unter den Gaben, den "munera" die sieben Gaben des heiligen
Geistes.
Sieben - das ist eine heilige Zahl, z.B. die Zahl der Schöpfungstage und der Sakramente. Siebenfach ruht nach Jesaja der Geist Gottes auf dem Messias, wie das
Farbenspektrum des Sonnenlichts: "der Geist der Weisheit und des Verstandes, der Geist des Rates und der Stärke, der Geist der Erkenntnis, der Frömmigkeit und
der Gottesfurcht" (Jes 11,2-3)
Also z.B.:
- Weisheit, sophia, Lebensweisheit- die weiß, was ich tun muss im Leben - und was ich von Gott erhoffen kann, die zwischen beidem unterscheiden kann und
darum zur Gelassenheit führt ( siehe Bonhoeffer!)
- Verstand, synesis, als verständige, hell- und weitsichtige Lebensführung.
- Stärke, Zivilcourage, geduldiger Einsatz für die gerechte Sache, wenn nötig Kraft des Widerstands, Ausharren in Schwierigkeiten
So treten die Gaben des Geistes vor das innere Auge, und wir können spüren, wie reich wir beschenkt sind. Aber oft sind wir blind auch und gerade gegenüber den
eigenen Gaben und Charismen. Darauf zielt der folgende Text:
Am Pfingstsonntag predigte der Pfarrer
über die guten Gaben des hl. Geistes.
Und die Familie unter der Kanzel dachte:
Wir sind leer ausgegangen
als die Gaben verteilt wurden. Wer sind wir schon?
Und dann gingen sie heim.
Und die Mutter besuchte einen blinde Tante
im Pflegeheim und hörte ihren Klagen geduldig zu.
Und der Vater brütete über der Kassenführung
der Kolpingsfamilie, die ihm eher Ärger
als Freude einbrachte.
Und die große Tochter klimperte auf der Gitarre
und sang dazu mit ihrer Stimme,
die alle schön fanden.
Und der noch sehr kleine Sohn brachte
die Worte durcheinander und alle anderen zum Lachen.
Die geduldige Mutter,
der unauffällige Vater,
die musikalische Tochter,
der fröhliche Sohn
setzen tagtäglich ihre Gabe ein
ohne drum zu wissen,
ohne es zu merken.
Und den, der solche Gaben gibt,
dürfen wir nennen: Heiliger Geist.
Komm, der gute Gaben gibt", Firmbuch S. 16
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Die dritte Strophe.
"Bester Tröster": Stellen wir uns Situationen des Lebens vor, in denen wir Trost brauchten, gute Worte, eine Hand, die unsere Hand hielt. Lässt sich diese Nähe
steigern? Bester Tröster, noch besser als liebe Menschen? In Konkurrenz zu ihnen? Oder kommt der Tröster Geist nicht in menschlichen Gesten und Worten zu uns? Ist er
der Augen- und Ohren- und Herzensöffner, der Menschen auf die Not anderer aufmerksam macht? Bester Tröster - das ist jedenfalls die Sprache des Lobpreises und des Dankes!
Dann zweimal "dulcis", süß. Oder: zärtlich, intim, lieblich, köstlich, - auf jeden Fall angenehm und sehr nah dran. Und dann ein treffendes Hauptwort: Gast. Gast
der Seele. Er soll in den Raum der Seele, des Inneren, eintreten wie ein Gast, der nicht einfach ständig präsent ist wie der Hausherr oder wie die Dauermieter, sondern von
außen kommt, erwünscht und ersehnt ist und dann bei uns wohnt, aber nicht als unser Inventar und nicht als unser Eigentum. Er kann kommen und gehen - wie der Wind -, er ist
frei und unverfügbar und niemals unser Besitz. Wir haben ihn nicht gepachtet. Wir bieten ihm eine Wohnung an.
Besuch ist angesagt.
Es kommt der Gast: ein Verwandter,
ein Freund, ein Wahlverwandter.
Er bleibt ein paar Tage,
geht wieder und hinterlässt in uns ein Echo,
das lange anhalten kann,
weil er in uns Verwandtes,
Befreundetes zum Klingen bringt.
Er klopft an,
wohnt bei uns, begegnet uns,
macht sich nicht breit,
bringt Gaben mit, bringt sich mit,
lässt uns verändert zurück.
Diesen Gast in uns
dürfen wir nennen: Heiliger Geist.
Text aus dem Firmbuch "Gast..." , S. 26
Und dort wirkt er auch als "refrigerium". Das Wort lebt weiter in den englischen und französischen Bezeichnungen für "Kühlschrank" (refrigerator, frigidaire). Denken wir
uns in den Mittelmeerraum hinein, in die Sonnenhitze, die sich mittags kaum aushalten lässt, und stellen uns einen schattigen Innenhof mit Springbrunnen vor. Der heilige Geist hat
erfrischende, belebende Kraft, ist ein "Munter-Macher": das wird in der vierten Strophe noch weiter entfaltet.
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Die vierte Strophe.
Hier werden gegensätzliche Erfahrungen des Lebens zueinander gebracht: die Arbeit und die Ruhe, die Gluthitze des eigenen Inneren und die Mäßigung, der Tränenstrom
und der Trost.
Arbeit, labor. Nicht so sehr das Sitzen am Schreibtisch, sondern eher Feldarbeit, Schwitzen, körperliche Mühen. "Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen!"
(Gen 3,19) Was immer wir tun, wir dürfen beten: Sei du die Kraft der Ruhe mitten in meinen Anstrengungen! Wir wissen, dass aller Aktivismus und alle Hektik einen Ausgleich brauchen,
eine Phase der Entspannung und des Loslassens. So mancher fürchtet, in den Anspannungen und im Stress seine "Mitte" zu verlieren. Das Schauen auf den heiligen Geist kann uns vor
manchem Leerlauf bewahren und vor der Fixierung auf Leistung, Karriere, Immer mehr. Und es kann sich anschließen eine Bitte für die Überforderten, für die Rastlosen,
für die Sklaven von heute - und auch für die Arbeitslosen.
Ein Rastplatz in der Unrast -
das wäre fürwahr ein Geschenk.
In der Unrast, diktiert vom Terminkalender,
in der Unrast, produziert vom laufenden Fernseher,
in der Unrast sich jagender Abwechslung,
in der Unrast, die selbst Freizeit zum Stress macht,
die mich hindert, ruhig im Zimmer zu bleiben.
"Heute hier, morgen dort,
bin kaum da, muss ich fort."
In der Unrast, in der wir es akzeptieren,
gelebt zu werden.
In der Unrast aber auch die Sehnsucht nach Rast -
schon damals im Psalm die Hoffnung:
ein Ruheplatz am Wasser,
Raststation finden,
Stoppschilder beachten und anhalten.
Und den, der uns auf diese Fährte führt,
dürfen wir nennen: Heiliger Geist.
Text aus dem Firmbuch "In der Unrast", S. 36
Sodann: in der Gluthitze die Mäßigung. "In aestu, in der Glut" meint hier die Hitze des Inneren, das Aufwallen der Gefühle, die Exzesse der Lebensgier und Sucht. Ein
gesteigertes Lebensgefühl, das immer größeren Kick braucht! "Aestus" ist sehr aktuell! Und da hinein "temperies" - weises Maßhalten, und nicht die Maßlosigkeit,
die unsere Zeit so sehr kennzeichnet - vor allem in der Habgier, man denke an die Finanz- und Bankenkrise. Der Geist gibt uns ein, in Ausgewogenheit die eigenen Grenzen und die der anderen
zu respektieren.
Schließlich: Tröste den, der trostlos weint! Wie sind wir oft hilflos vor diesen Tränen! Wir verdrängen sie und schämen uns ihrer. Niemand soll uns weinen sehen.
Und doch ist das Weinen so menschlich! In den Worten des Hymnus wird nicht gesagt, dass der Geist erst kommt, wenn die Tränen geweint sind und hinter mir liegen - nein, er kommt mitten
in der trostlosen Verlassenheit, um sie mit mir durchzustehen.
Er führt uns - wie das Psalmwort sagt - dann hinaus ins Weite und macht unsere Finsternis hell.
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Die fünfte Strophe.
Sie greift noch einmal das Bild vom Licht auf, das in der Bibel für das göttliche Wir-ken und für Jesus Christus steht. "Das Volk, das in der Finsternis wandelt, einst wird
es sehen ein großes Licht", heißt es etwa bei Jesaja (9,2). Hier nun: der heilige Geist als Licht für das Innere der Glaubenden; er kann das Innerste ("intima", das
"Intimste") des Herzens erfüllen. Kirchenlehrer und Mystiker haben davon gesprochen, dass Gott uns innerlicher sei als wir uns selbst. Sie bringen auch das Bild vom "Seelenfunken",
durch den Gott in uns "zündet". Viele Glaubende können die heilende Kraft des "beseligenden Lichtes" in ihrem Innersten bezeugen - in einer Tiefe der Seele, in die die
alltäglichen und sozialen Erfahrungen vielleicht kaum hinein dringen.
Dring bis auf der Seele Grund,
sagt die Patientin zum Psychiater.
Die Patientin lebt in einer Verpackungswelt.
Der schöne Schein hat's ihr angetan.
Design und Styling, da kennt sie sich aus.
Die Oberfläche der Dinge nimmt sie in Bann.
Für Mode und Kosmetik lässt sie vieles stehen.
Doch eines Tages bricht die Oberfläche ein.
Ihr Kind hat ihr eine Frage gestellt -
ihr Kind fragt abends vorm Einschlafen:
Mama, sag mal, wozu leben wir?
Wie diese Frage aufreißt, wie sie in einem pocht!
Ein Stachel im Fleisch, ein Stachel im Geist.
Verschüttete Fragen sind aufgeweckt.
Die innere Reise beginnt.
Und den, der uns auf diese Reise schickt,
dürfen wir nennen: Heiliger Geist.
Firmbuch "Dring bis auf der Seele Grund", S. 46
9
Die sechste Strophe ist vielleicht die radikalste und unerbittlichste in ihrer Aussage über den Menschen: Nichts ist im Menschen, nichts ist heil und unzerstört - ohne dich! Ohne
dein "numen"! Numen ist nun nicht das "Wehen" des Geist-Windes, wie meist übersetzt wird ("ohne dein lebendig Weh'n"), sondern Gott selber in seinem Wirken und Handeln, das geheimnisvoll
und verborgen ist, eben "numinos". Also: Ohne diesen göttlichen Geist ist nichts, aber auch gar nichts in mir, worauf ich im Angesicht des heiligen Gottes pochen und stolz sein
könnte! Vor dem Anspruch Gottes ist nichts integer, unzerstört, sagt der Hymnus.
Man muss nur den Wurzeln und Verzweigungen des Egoismus nachgehen, und man spürt, wie sehr man gefährdet ist - seit Adam und Eva, seit dem Sündenfall. Das Unheile mischt sich
in alles ein, die Reformation mit Martin Luther und Calvin wird dies später sehr stark betonen. "Von außen", "von oben" kommt das klarere Erkennen über mich selbst. Ich bin
da nicht allein auf mich gestellt. Es gibt den "göttlichen Dialogpartner", der mir die ungeschönte Wahrheit meines Lebens vor Augen stellt, mich vor jeder Selbstgerechtigkeit bewahrt
und mich - etwa auf den Wegen der Gewissenserforschung, des Schuldbekenntnisses und des Bußsakramentes - aus den inneren Abgründen ("nihil") herausführen kann. Das Vakuum im
menschlichen Herzen wird gefüllt - vom Geist Gottes her.
Das Wichtigste ist doch die Gesundheit,
sagt die Achtzigjährige bei der Geburtstagsfeier.
Gesundheit auf der Wunschliste ganz oben.
Und die Mittel zu diesem Ziel
lassen wir uns was kosten.
Schweißtreibendes Jogging,
schlankmachendes Müsli,
schlaffördernde Pillen,
Tausenderlei.
Dabei wäre vielleicht am gesündesten,
den Wunsch nach der Gesundheit
ein klein wenig tiefer zu setzen.
Den Kult der Gesundheit zu relativieren.
Suchet zuerst ... - Sie können nachlesen: Mt 6,33
und vielerorts in der Bibel.
Das ist die Spur zu einem anderen Ziel.
Wer dort ankommt weiß Innen und Außen im Einklang,
Leib und Seele.
Dem Gelähmten in Kapharnaum werden zuerst
die Sünden vergeben.
Ganzsein ist nicht nur ein Modewort.
Suchet zuerst ... Gesucht sind Spurensucher,
gesucht ist die Gabe,
durch den Wust krankmachender Dinge durchzusteigen.
Und den, der uns auf diese Fährte führt,
dürfen wir nennen: Heiliger Geist
Firmbuch "... kann nichts heil sein noch gesund", S.56
10
Die siebte Strophe.
Jetzt wird es konkreter. Die gebrochene, angeschlagene Seite unserer Existenz wird angedeutet als unrein, ausgetrocknet, verwundet, verhärtet, kalt und erstarrt, vom Weg abgeirrt.
"Wasche, was unrein ist": Das Bild des Wassers tritt uns nun entgegen. Waschen, dafür braucht man Wasser. In allen großen Religionen ist das Wasser ein tiefes Symbol für
Erneuerung, Läuterung, Reinigung. Das Paradies ist verloren, die ursprünglich uns zugedachte Integrität und Lauterkeit des Lebens zerbrochen, es be-darf einer Reinigung, um
die Kraft des Ursprungs, des "Paradieses" wiederherzustellen. In den Augen eines Kindes ist diese Kraft vielleicht noch zu ahnen.
Es geht um unsere Gotteskindschaft, die in uns neu aufleuchten soll. Bei Ezechiel (36,25) heißt es: "Reines Wasser werde ich über euch sprengen, dass ihr rein werdet. Von all
euren Götzen werde ich euch reinigen. Ich werde euch ein neues Herz geben und einen neuen Geist in euer Inneres legen." Jesus selber nennt sich beim Gespräch mit der Samariterin
am Jakobsbrunnen "das lebenspendende Wasser" (Joh 4,10). Im Zeichen der Taufe schließlich wird unsere Bitte ganz anschaulich: Wasche, was unrein ist. Lass uns neue Menschen werden,
Menschen nach dem Bilde Jesu Christi.
Heile, was verwundet ist. Die vielen Verwundungen im Leben! Die Enttäuschungen und Verluste, die Frustrationen, die schmerzenden Worte im Ohr, die erfahrene Gleichgültigkeit und
Lieblosigkeit, das Scheitern und Nicht-Gelungene, die Lasten und Hypotheken auf unseren Schultern. Das alles frisst sich ein! Heile mich, damit ich diese Wunden annehmen und darin mich
selber annehmen und mit allen Verwundungen leben kann.
Tränke, was ausgetrocknet ist. Was fällt mir zur Dürre ein, wo fühle ich mich ausgetrocknet? Die Dürre, wenn der Regen ausbleibt. Die rissige Erde. Der Staub. Die
abgemagerten Tiere und Menschen etwa in der Sahel-Zone Afrikas. Die wachsenden Wüsten. Die "Rose von Jericho", die in meiner Küche liegt, zusammengerollt, grau, kaum wahrzunehmen
als lebendige Pflanze - wenn sie getränkt wird, entfaltet sie sich, geht auf, wird grün. Was ist dürr geworden in mir: der Glaube - die Hoffnung - die Liebe? Was auch immer
es sei: Belebe es, tränke es, heiliger Geist - damit es wieder blühen und Frucht bringen kann.
Die einen sagen Wüste
und die anderen sagen Winter,
Wüste oder Winter - jedenfalls dürr -,
wenn sie von der Kirche sprechen,
der Kirche von heute und von hier.
Und sie sehen den Schnee
und fühlen Erstarrung
und leiden an der Dürre.
Und ihre Optik heißt: Angst, Trauer, Sorge,
Häme, Verärgerung.
Hoffentlich haben sie die Rechnung
ohne den Wirt gemacht,
der den Baumstumpf Israel
damals zum Blühen brachte
und uns heute als Schneeschieber
und Oasensucher gut gebrauchen kann.
Ihn, die Frühlingskraft,
dürfen wir nennen: Heiliger Geist
Firmbuch "Dürrem gieße Leben ein", S. 66
11
Die achte Strophe.
Mach beweglich, was verhärtet ist - in meinem Leben, im Leben der Völker. Was für Verhärtungen zwischen den Fronten, Ideologien und Parteien, wie viel Festgefahrenes und
Blockiertes zwischen Israelis und Palästinensern, zwischen Fundamentalisten und Demokraten, zwischen den Generationen. Mauern und Zäune werden gebaut - in den Ländern und in
unseren Köpfen. Verhärtungen im eigenen Denken und Fühlen, die das Leben behindern. "Beuge das Harte", bewege die Herzen, hilf uns, wenigstens hin und wieder mit dem Kopf des
anderen, des vermeintlichen Gegners zu denken und uns in seine Haut zu versetzen.
Wärme, was kalt ist und erstarrt. In diesen Wintertagen suchen wir die Wärme. Erwärmt werden menschliche Herzen vor allem durch die Liebe. Ging es bisher eher um Glaube und
Hoffnung, so kommt im Bild der Wärme die Liebe ins Spiel. Wir beklagen oft die soziale Kälte und das Auseinanderrücken der Menschen.
Eine Eisschicht ist im Winter über die Straße gezogen.
Eine Eisschicht hat sich über die Menschen gelegt.
Eisblöcke stoßen aufeinander, tiefgefroren.
Ihr Verhältnis zueinander ist sehr kühl,
wie man verstehen kann.
Sie sitzen in den Neonbars und machen auf cool.
Sie sitzen im Wartezimmer und starren aneinander vorbei.
Sie sitzen in der Kirche, und manche frieren.
Sitzen, wo immer, eingepanzert ins Eis, tief gefroren.
Doch ganz im Innern, selbst im Tiefkühlfach
dieser wandernden Kühlschränke lebt etwas anderes,
das nicht heraus kann, sich nicht heraus traut:
Der Drang nach Wärme, nach Nähe, nach Herz,
die Suche nach einer Flamme,
um das Packeis zu schmelzen.
Und diese Flamme, dieses Feuer,
dürfen wir nennen: Heiliger Geist.
Firmbuch "Wärme du ...", S. 76
In diesen Advents- und Weihnachtswochen geben wir uns vielleicht mehr Mühe als sonst, etwas Wärme in die Welt zu bringen. Ja, komm, heiliger Geist, und "entzünde in uns das
Feuer deiner Liebe!"
Liebe - das Wort ist herzerwärmend. Aber es ist auch gefährdet: abgenutzt, verbraucht, missbraucht, verschlissen. Eine zu große Münze. Wir trauen ihr nicht immer. In
Stunden innerer Stumpfheit und Verlassenheit verblasst das Gefühl, geliebt und getragen zu sein. Gerade dann möge die Bitte zu uns sprechen: "Wärme, was erkaltet ist" -
nämlich das eigene Herz. Und wenn es sich wärmen lässt, wird es auch andere wärmen, die Wärme weitergeben.
Kälte, das ist Apathie, Gleichgültigkeit, "Geht-mich-nichts-an"-Haltung, Teilnahmslosigkeit. Wärme beginnt mit teilnehmenden Worten und Gesten, mit jeder Bewegung auf den
anderen zu, ohne die lähmende Angst, in seiner Ruhe gestört, aufgesaugt und überfordert zu werden.
Typisch für die Liebe des "lieben Gottes" ist: "Er wird das geknickte Rohr nicht zerbrechen und den glimmenden Docht nicht auslöschen." (Jes 42.3) Seine Liebe bleibt bei mir,
selbst wo in mir nur noch glimmendes Feuer ist und das einst so starke Rohr längst geknickt ist. Seine Liebe gilt auch und gerade dem beschädigten Leben: den Schwach-Gewordenen,
den in jeder Hinsicht Behinderten, auch den "Zöllnern und Sündern". Sie zeigt sich als Barmherzigkeit, als Erbarmen, als Bereitschaft zur Vergebung. Wie quer liegend zu
erbarmungslosen, gnadenlosen Zeiten ist diese Bitte:
Wärme, was erkaltet ist,
Lenke, was den Weg verfehlt.
12
Die Schlussstrophen.
Sie sind das Finale, das in den Himmel führt. Kandidaten des Himmels sind die "fideles", die "confidentes": die Menschen also, die glauben und vertrauen, die ganz und gar vertrauend ihr
Herz setzen auf Gott, den ganz und gar verlässlichen Lebensgrund. Thurmair und Jenny sprechen in ihrer Übersetzung vom "Volk, das dir vertraut", von einer Gemeinschaft, die sich in
diesem Vertrauen trifft. Eine Gesinnungsgemeinschaft ist es, die über die verfassten Kirchen weit hinausreicht, eine Gemeinschaft des Vertrauens in Gott.
Der heilige Geist ist der Stifter dieser weltweit verbindenden Gesinnung. Ich singe mit und möchte dazugehören zu dem Volk quer durch die Völker hindurch, "das auf deine Hilfe
baut", und verweile noch bei diesem Bild vom Bauen:
Achtung: eine Großbaustelle!
Zu sehen ist, wie man heute Häuser baut.
Hier baut einer Luftschlösser.
Da entsteht ein Wolkenkuckucksheim.
Etwas weiter der neue Tanzsaal für Traumtänzer.
Gleich daneben die Potemkinschen Dörfer.
Dahinter eine Siedlung auf der Sandbank, postmodern,
überragt von einem großen Gedankengebäude
und einen neuen Anlauf zum Turm von Babel.
Im hintersten Winkel übrigens baut man noch
ganz altmodisch Häuser
mit Fundament, teils auf Felsen -
Bauplan nachzulesen Mt 7,24.
Es heißt, es gäbe die Materialien gratis,
und die Bezeichnung des Haustyps schwankt:
Menschenhaus oder Gotteshaus
oder beides in einem
Und den, der dieses Haus wohnlich macht,
dürfen wir nennen: Heiliger Geist
Firmbuch "das auf deine Hilfe baut ...", S. 86
Und wieder ist von den sieben Gaben die Rede; sie mögen die Glaubenden durch ihr Leben geleiten - bis hin zum letzten Schritt. Da bleiben die vorletzten Dinge zurück, und die "letzte"
Wirklichkeit erscheint, die weiter trägt. Ich bitte um das Licht des Glaubens, die Festigkeit der Hoffnung und das Glück der Liebe als die tragenden Gaben, als die große "Mitgift"
auf dem Weg ins Finale.
Damit ist der Ausblick in die "andere Welt" eröffnet, die mich hier schon, mitten im Leben, erfüllen und tragen will. Das Ewige ist schon im Diesseits mit präsent:
Lass es in der Zeit bestehn,
deines Heils Vollendung sehn
und der Freuden Ewigkeit.
Ganz wörtlich übersetzt:
Gib den Lohn (das Verdienst) der Tugend.
Schenk den Auszug ins ewige Heil.
Gib ewige Freude.
Lohn und Verdienst, das wurde wieder ein großes Thema in der Reformation. Der Vorwurf der Werkgerechtigkeit (ich verdiene mir durch gute Taten mein Heil vor Gott) klang da auf. Aber
soweit müssen wir nicht gehen. Denn auch die "merita", die Verdienste der Menschen, sind Gnade. In dem Wort von den Verdiensten schwingt aber die Herausforderung mit, für sein Leben
verantwortlich zu sein und es "in der Zeit zu bestehen".
Und dann, jenseits der Schwelle des Todes: Da perenne gaudium, gib eine ewige, immerwährende Freude. Das große Ziel des Unterwegsseins steht vor Augen. So wenige und kurze Worte
für eine "lange" Ewigkeit! Aber in ihnen ist alles gesagt. Das Geheimnis "nach dem Tod" wird nicht zerredet, sondern auf den Punkt gebracht: Freude - Freude in Gott. Es wird unterschrieben
und bekräftigt durch "Amen. Alleluja": So ist es. So glauben wir fest. So soll es sein!
Was für eine innere Kraft steckte in Stephan Langton und seinen Sängern vor achthundert Jahren! Im Blick auf das Ende ihrer Tage setzten sie kein Wenn und Aber an den Schluss, nicht
den müden oder ironischen Skeptizismus späterer Zeiten. Der singenden Gemeinschaft war die verdrossene Griesgrämigkeit fern. Sie singt in großer Freude ihr Alleluja. Das ist
ihr letztes Wort. Es möge auch unser letztes Wort sein.
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