Medardus
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Pfarrei St. Medardus

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Johannes der TäuferVon kleinen Füßen

Predigt in der Christmette am 24.12.2010


Zu Weihnachten sind die Kirchen voll. Menschen kommen zusammen, die durchaus unterschiedlich zu Jesus Christus stehen. Vor ein paar Tagen war in der Zeitung zu lesen, dass der berühmte Theaterintendant Claus Peymann die weihnachtliche Christmette als "ganz großes Theater" empfindet. Er meint das sehr positiv, er kommt ja und lebt ja vom Theater! Obwohl er Atheist sei, gehe er zu Heiligabend immer in die Weihnachtsmesse. Ihm gefalle der Gedanke, dass Christus ein Kind war, ganz offen und ungeschützt. In der Welt, in der er wirke, also im Kulturbetrieb, dränge sich jeder gerne nach ganz vorne auf die Bühne. Da komme ein menschliches Wesen, das sich so sehr zurücknimmt und so bescheiden wirkt wie ein neugeborenes Kind, kaum vor.

Offen und ungeschützt. Wehrlos, gewaltlos. Klein.
In der neuesten Karte von gott.net sieht man ein Baby, das lebensfroh seine Füße hochreckt. Eine Weihnachtskarte, die hauptsächlich die Fußsohlen eines Babys zeigt! Dazu der Text:

Menschen mögen es groß.
Leben gern auf großem Fuß.
Auch wenn sie dabei
anderen auf die Füße treten.
Gott mag es klein.
Wählt die kleinste Schuhgröße.
Und hilft uns auf die Beine.
Gott wird ein Kind,
damit wir
Kinder Gottes werden.


Großer Gott auf kleinen Füßen. Gott mag es klein - wie anders würde er es mit uns aushalten? Die kleinen Füße des Kindes Jesus sind schon früh unterwegs. Die Familie muss bekanntlich nach Ägypten fliehen, Herodes ist hinter ihnen her. So fängt es an: Jesus ein Kind mit "Migrationshintergrund" im Asyl im fernen Land. Auch als Erwachsener ist er ständig in Bewegung. "Das Wort Gottes in Sandalen", so hat man ihn später genannt. Seine Füße gehen auf die Menschen zu. In ihm bekommt Gott "Hand und Fuß". Er zieht durch die Wüste, durch den Sand und Staub der Straßen. Arm ist er unter Armen. Krippe und Kreuz stehen für seinen Anfang und sein Ende. Und so hinterlässt er Spuren - unbegreiflich und doch zum Greifen nah! Er hinterlässt Spuren bis heute. Fußstapfen, in die wir treten können.
Zum Beispiel seine Worte. Sie sind gedeckt - nicht wie die vielen hohlen Worte und leeren Versprechungen heute. Sie sind gedeckt durch sein Leben. Da stimmt alles überein. Er steht für seine Worte ein - durch seine Taten und Zeichen, durch sein Leben, bis in den Tod am Kreuz.

Es gibt eine Geschichte von den Spuren Jesu, die mich sehr berührt: Als Jesus durchs Land zog, - so heißt es im Evangelium -, da heilte er eine Frau, die so ge-krümmt war, dass sie sich nicht mehr aufrichten konnte.
Denken wir uns einmal in sie hinein und sehen die Dinge aus ihrem Blickwinkel:
Ihr Blick ging immer nur auf das Stück Boden vor ihr. Sie sah nur die Erde. In der Regel sah sie von den Leuten nur die Füße, nie das Gesicht. Sie bemerkte aber auch etwas, das andere nicht wahrnahmen. Sie sah die Spuren, die andere hinterließen. Wie ein Jäger oder Detektiv interessierte sie sich für die Spuren, die im Sand, im Staub der Straße eingeschrieben waren. Sie lernte zu unterscheiden, sah, wenn die Füße ganz selbstbewusst große Schritte machten oder eher schüchtern einher trippelten. Sie wusste aus der Spur, wie es um den Menschen stand. Sie sah auch die Umwege, die gemacht wurden, sah, dass Spuren nach rechts und links auswichen, Bögen schlugen. Eines Tages fand sie eine Spur, die anders war als alle übrigen. Die machte nie einen Bogen. Die ging immer geradeaus. Das verwunderte sie sehr. Diese Spur war unverkennbar. Sie konnte sie herauslesen aus allen anderen Schritten: wie ein Jäger folgte sie ihr, las die Fährte, und als sie ihn gefunden hatte, richtete sie sich mühsam auf. Diese Gestalt, dieses Gesicht wollte sie sehen. Mit ei-ner letzten Anstrengung streckte sie sich, und als sie gerade stand und aufrecht war, da wusste sie: Sie war geheilt.

Die kleinen Füße Gottes in der Welt gehen gradlinig, geradeaus. Krumme Touren sind ihnen fremd. Glanz und Gloria auch. Das Ziel ist unverrückbar: der Mensch. Gott kommt zum Menschen. Und der Mensch weiß nicht, wie ihm geschieht! Er kann es eigentlich nicht glauben! Das passt doch nicht zu Gott! Gott und Mensch - so nah zusammen? Gott im Himmel - weit weg - und der Mensch hier auf der Erde: das ist in Ordnung - und dieses alte und einfache Schema der Religionen soll nicht mehr gelten? Ganz pointiert drückt es Johannes in seinem Evangelium so aus: Er kam in sein Eigentum - aber die Seinen nahmen ihn nicht auf. Sie wussten es nicht anders.

Klaus Hemmerle, der unvergessene Bischof von Aachen, hat das einmal so beschrieben:
Wenn ein Kind sich verläuft, dann geht es dorthin, wohin es nicht gehört.
Ja, an Weihnachten hat Gott sich verlaufen - wie ein Kind - und ging dorthin, wohin er "nicht gehört". Er ist nicht in der Herrlichkeit seines Himmels geblieben, sondern: er hat sich verlaufen zu den Kleinen und Armen, zu den Krummen und Gebückten, zu den Kranken und Trauernden, zu denen, von denen man meint, sie seien fern von Gott und hätten nichts mit ihm zu tun.
Gott hat sich verlaufen dorthin, wohin der verlorene Sohn sich verlaufen hat, um mit ihm heimzukehren zum Vater.
Gott hat sich verlaufen wie ein Kind - nur dass es eben kein Irrtum war - wie beim Kind -, sondern das Göttlichste, was Gott tun kann.


Weihnachten heißt für mich, in diesem Gott eine Heimat zu haben und ihm auf der Spur zu sein - ja, in seinem Abstieg, in seinem Sich-Verlaufen, in seinem Drang zu uns Menschen, in seinen "kleinen Füßen" ihm auf der Spur zu sein. Weihnachten ist die Erinnerung daran, "dass Gott sich in seine Schöpfung hineingekniet hat und immer noch hineinkniet". Er kniet sich hinein - und ist dadurch klein und wehrlos. Kniende, auch Sich-Hineinkniende, kann man so leicht übersehen. Man nimmt eher wahr, wer auf "großem Fuß" daher kommt und die große Show macht. Gott "kniet sich hinein" und macht sich klein - das ist seine Spur.

Ich möchte Ihnen anraten, nachher zu unserer Krippe zu gehen. Nehmen Sie alles in Ihr Herz auf. Schauen Sie dann hin zum Kind. Knien Sie innerlich nieder, beugen Sie Ihr Herz, versuchen Sie nachzuempfinden die göttliche Größe, die den Weg über die Krippe nimmt. Ich möchte dann - nach einigem Schauen - vielleicht so beten: Jesus, Kind Gottes, weite mein winterliches Herz, dass ich dich aufnehme. Zünde in mir, werde in mir neu geboren. Und wachse in mir. Fülle meine Leere aus, dieses Vakuum, das sich oft so breit macht. Verkümmere nicht in mir. Gib, dass ich dich nicht verkümmern lasse und dich nicht hinauswerfe aus meinem Herzen, Denken und Fühlen. Sondern dass ich deine Wege zu gehen versuche, in deiner Spur, hinter dir her! Lass mich aufbrechen, jeden Tag neu. Trotz aller eigenen Verbiegungen und Verkrümmungen! Immer schleppen wir sie mit und weitere eigene Lasten dazu. Sie sollen mich nicht hindern, so wenig wie sie die gebeugte Frau gehindert haben zu gehen. Und lass mich in meinem Tempo gehen, das zu mir passt. Du brauchst ja nicht nur die schnellen Sprinter und die Marathonläufer. Auch mit den "lahmen Enten" kannst Du noch etwas anfangen. Wichtig ist nur, das Ziel nicht dranzugeben - zielsicher zu sein! Am Ziel - an Dir - richten wir uns aus. Am Ziel richten wir uns auf. Dort werden wir geheilt.

Liebe Gemeinde, bei dem Krippenspiel der Pestalozzischule sagte einer der Hirten, als er in der Nacht von der Krippe zur Herde zurückging: "Ich möchte das ganze Land wecken!" - Das ganze Land wecken, jetzt hier in dieser Nacht. Damit die Men-schen offen bleiben oder neu offen werden für den Himmel und für das, wovon sich die Seele nähren kann. Damit sie die Spur, die Fußstapfen Jesu Christi nicht übersehen. Damit sie eine große Freude miteinander teilen: "Ich sehe dich mit Freu-den an und kann mich nicht satt sehen. Und weil ich nun nichts weiter kann, bleib ich anbetend stehen. O dass mein Sinn ein Abgrund wär und meine Seel' ein weites Meer, dass ich dich möchte fassen."


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