Medardus
Eine Gemeinde der
Pfarrei St. Medardus

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Katholische Kirchengemeinde St. Joseph und Medardus - Jockuschstraße 12 - 58511 Lüdenscheid - Tel. 02351 / 66400-0

Johannes der TäuferFinden - erzählen - zurückkehren - preisen - bewahren - nachdenken - staunen

Predigt zum Jahreswechsel 2010 / 2011


Ein befreundeter älterer Pfarrer aus Bottrop, der lange Jahre in Argentinien gearbeitet hat, erzählt in einem Rundbrief von einem Besuch dort, bei den Leuten seiner alten Gemeinde in einem Armenviertel, in der Nähe von Buenos Aires:

"Morgens gegen 11 Uhr ging ich durch eine der Lehmstraßen und traf einen jungen Mann, der müßig an der Straßenecke herumstand. Er erkannte mich wieder; er sei bei mir zur Erstkommunion gegangen. Und nun sei er ohne Arbeit, ein "vago" - wir würden sagen: ein Vagabund, ein Herumtreiber, ein Faulpelz. Während wir uns so unterhielten, kam ein junger Bursche von vielleicht 22 Jahren hinzu, mit einem Baby auf dem Arm. "Das ist ein Padre", sagte der Vago zu ihm, "bitte ihn um den Segen für dein Baby." Er tat es, und ich segnete sein Baby und ihn. Beim Abschied wollte auch der Vago gesegnet werden. Ich legte ihm dir Hände auf, sprach ein Gebet und machte ihm das Kreuzzeichen auf die Stirn. Er hatte Tränen in den Augen. Ein Vago - ich stellte mir vor, wie er abends mit seinen Kumpanen an der Ecke steht und sich Bier und Drogen "rein tut", so wie es in den Armenvierteln üblich ist. Ein hoffnungsloser Fall, könnte man vorschnell denken. Aber nein: er hat sich ein Gespür dafür bewahrt, dass das Leben mehr ist als faulenzen und trinken und konsumieren, er hat sich eine natürliche Offenheit auf Gott hin bewahrt. Und er weiß, dass er diesen Gott braucht und wo er ihn finden kann. Das ist typisch für die Menschen in Lateinamerika. Bei uns im alten Europa ist dieses Gespür weitgehend verloren gegangen und die Offenheit auf Gott hin oft verschüttet."

Warum ich das weiter erzähle? Sicher auch, weil in der Lesung (Num 6,22) vom Segen gesprochen wird, vom Aaronssegen, wie wir ihn oft hier in der Kirche singen. Der Segen ist keine Floskel, keine Formalität, kein frommer Schluss zum Ende der Messe. Manchmal darf ich Menschen persönlich segnen, und da besonders spüre ich selber ganz deutlich die Kraft, die hinter den Worten und hinter dem Zeichen steckt. Gottes Interesse am Menschen steckt dahinter, seine Zusage, dass er mit uns ist. Gott selber kommt in seinem Segen auf uns zu. "An Gottes Segen ist alles gelegen", hat man früher gesagt. An Gottes Segen, nicht an unseren Plänen. Wir können uns im neuen Jahr noch so abstrampeln - wenn es nur unser Werk ist und nicht Gottes Werk, dann bleibt es leblos und unfruchtbar - eben ein mühsames Ab-strampeln. Baut nicht der Herr das Haus, mühen sich umsonst die Bauleute (Ps. 126).

Glauben wir das? Glauben wir das wirklich? Oder ist das inzwischen nur fromme Rhetorik für Predigten? Das ist der Hauptgrund, warum ich die kleine Begegnung aus Argentinien weiter erzähle. Ein "vago", ein armer arbeitsloser Herumtreiber, hat sich ein Gespür, eine natürliche Offenheit auf Gott hin bewahrt, - typisch für ein ganzes Volk, typisch für einen ganzen Kontinent. Und wir hier im alten Europa, natürlich mit ganz anderen Prägungen, haben dieses Gespür und diese Offenheit weithin verloren. Unsere Prägungen sind bekannt: Aufklärung, Wissenschaft, eine müde gewordene Skepsis. Wir wissen so viel - und wissen so wenig vom Leben. So nah gerückt sind wir - so globalisiert - und zugleich so weit voneinander weg, so allein: in den Beziehungen, oft in den Ehen. Wir reden ständig - das Handy am Ohr - und haben doch so wenig wirklich zu sagen. Das Wort Gott wirkt in der Öffentlichkeit leicht peinlich, es ist das letzte Tabu nach allen anderen Tabubrüchen. Die Frage "Glauben Sie an Gott?" ist ungefähr so heikel und peinlich geworden wie die Frage "Wie viel verdienen Sie im Monat?" Gott - und natürlich, manchmal sehr zu Recht - sein "Bodenpersonal" - wird oft genug zur Lachnummer. Das Beten erstirbt, in den Todesanzeigen wird das Wort Gott möglichst vermieden, der Verstorbene lebt weiter in unserer Erinnerung, oder er passt von seinem Stern auf uns auf. Das war früher Gottes Sache, heute soll es der Opa richten.

So etwa geht der "Zeitgeist", wenn es denn so etwas gibt. Und wir hier - in der Kirche - sind dem Zeitgeist ausgesetzt wie alle anderen, sind oft genug "angefressen" und spielen mit. Haloween packt die Kiddies mehr als Allerheiligen, der Vatertag die Väter mehr als Christi Himmelfahrt, der Zug fährt mit Volldampf ab in Richtung "banal, oberflächlich, verblödet". Was können wir dagegen setzen? Ich glaube, der Heilige Geist setzt sich selber dagegen, der Geist der Wahrheit und der Weisheit. Und er bittet uns (er zwingt uns nicht, er drängt uns nicht - er bittet uns!), die Offenheit auf Gott hin zu bewahren und stärken zu lassen - durch Gottes Segen, der nicht bloß im Gottesdienst geschieht, sondern im Leben selbst, hoffentlich das ganze neue Jahr hindurch. Das ganze Jahr 2011: annus domini, Gotteszeit, Jesuszeit, Advent, Ankunftszeit! Das haben unsere Vorfahren gewusst und so auf ihre Häuser geschrieben: Anno Domini, im Jahre des Herrn, gebaut. 2011 ist darum nicht Merkel- und Westerwelle-Jahr, nicht das Jahr irgendwelcher Promis und Großereignisse, so wichtig und interessant die auch sein mögen - es ist zuallererst und immer "Jahr des Herrn". Ein neues Jahr ist ein Zeit-Raum, der uns einlädt, einzutreten und ihn zu bewohnen. In diesem Raum der Zeit können wir in der Spur Jesu Christi gehen und versuchen, das Rechte zu tun. Da, wo wir stehen.

Es könnte uns helfen, auf diesem Wege das heutige Evangelium zu betrachten, genauer seine Verben, seine Tu-Wörter. Die Hirten - sie finden das Kind, sie erzählen, sie kehren zurück, sie loben und preisen Gott. Maria - sie bewahrt alles im Her-zen und denkt nach. Und die anderen - sie staunen!

Noch einmal: finden - erzählen - zurückkehren - preisen - bewahren - nachdenken - staunen.

Finden. Vorher muss man suchen. Nur wer sucht, der findet. Nur wer fragt, stößt auf Antworten. Wie lebendig ist unser Suchen und Fragen und unsere Sehnsucht nach Gott? Das Evangelium sagt: Gott lässt sich finden! Damals im Stall, klein und unscheinbar. Leicht zu übersehen. Heute: im Raum des neuen Jahres, in 365 Tagen, die herausfordern, die erfreuen und belasten. Auch hier: leicht zu übersehen! Es kommt darauf an, durch welche "Brille" wir hinsehen, mit welcher Offenheit des Herzens.

Erzählen. Die Hirten erzählen. Andere hören zu. Christlicher Glaube ist durch Erzählen entstanden, ist eine "Erzählgemeinschaft". Die Weihnachtsgeschichte, die Ostergeschichte, die Pfingstgeschichte. Alte Geschichten. Mit Staub drauf, sagen die einen. Nein, mit Kraft drin, sagen die anderen. Spüren wir diese Kraft - so dass sie noch heute zu uns sprechen, in unser Leben hinein - und wir sie darum gerne weiter erzählen?

Zurückkehren. Die Hirten kehren von der Krippe zurück zu den Herden. An die Ar-beit, in den Alltag. Sie träumen sich nichts zusammen, sie steigen nicht aus - sie machen weiter, arbeiten weiter - aber verändert, anders. Sie, die ganz Armen, nun vielleicht mit einem Gespür für ihre Würde. Mit Hoffnung, mit Freude. Können wir unseren Alltag auch so erleben: nicht bloß als Routine, nicht bloß als Anstrengung? Der Alltag - Ort unseres Glaubens?

Bewahren. Jetzt sind wir bei Maria. Von ihr heißt es: Sie bewahrte alles, was geschehen war, in ihrem Herzen. Auffallend: Sie bewahrt das Neue, nicht das Alte. Was jetzt geschieht, was jetzt erzählt wird, macht sie sich zu eigen. Bewahren ist ein schönes und starkes Wort; es steckt "wahr" darin. Maria behält die Wahrheit bei sich und trägt sie weiter zu den Menschen, in das Leben. Was bewahrt wird, aufbewahrt wird, prägt unser Herz. Unser Leben ist wie ein großes Sieb - das Allermeiste läuft hindurch. Was bleibt in diesem neuen Jahr hängen? Was bewahren wir und "heben es auf"?

Nachdenken. Maria bewahrte und dachte darüber nach. Das dauert. Dafür braucht man Zeit. Nicht schnell alles "schlucken", sondern geistig "kauen", verarbeiten, nachklingen lassen, nachdenken. So bleibt Maria in der Spur Gottes, so deutet sie, was mit ihr geschieht. Gönnen wir uns diese Geduld und Nachdenklichkeit?

Schließlich: Preisen und Staunen. Die Hirten lobpreisen Gott, und die anderen staunen. Mit dem Staunen fängt eigentlich die Religion an: Staunenswert sind deine Werke, o Herr, betet einer in den Psalmen. Das ist sehr anders als unser heutiges sattes und gleichgültiges "Kennen wir alles schon, uns reißt nichts mehr vom Hocker!" Staunenswert sind deine Werke - nicht unbedingt unsere. Aber sind wir nicht auch sein Werk, und dürfen wir ihn nicht auch preisen für unser Leben, mit un-serem Leben, in großer Dankbarkeit?

Der Dichter Joachim Ringelnatz hat wohl so ähnlich empfunden; auf die Frage, was er machen würde, wenn er über das neue Jahr bestimmen könnte, schrieb er:

Ich würde vor Aufregung wahrscheinlich
die ersten Nächte schlaflos verbringen
und darauf tagelang ängstlich und kleinlich
ganz dumme, selbstsüchtige Pläne schwingen.
Dann - hoffentlich - aber laut lachen
und endlich Gott abends leise
bitten, wieder nach seiner Weise
das neue Jahr göttlich selber zu machen.



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