Medardus
Eine Gemeinde der
Pfarrei St. Medardus

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Taufe JesuNehemia

Allianzgebet für die Stadt am 12.01.2011


Haben Sie schon mal was von Nehemia gehört? Er ist keiner unter den ganz Großen in der Bibel. Kein Prophet. Keiner, nach dem man sein Kind benennt. Und doch: was für ein Typ! Er hat einen Beruf, den es heute so nicht mehr gibt: Mundschenk. Mundschenk des persischen Königs in Babylon. Das ist ein Vertrauensposten. Könige hatten immer Angst, sie könnten vergiftet werden. Der Mundschenk und Vorkoster probiert vorher Speise und Trank. Das ist ein Risiko. Wenn er nicht umfällt bei Tische, probiert auch der König. Klar, dass so ein Mundschenk einflussreich wird - nicht nur im Kulinarischen! Er kann dem König so einiges sagen.

Eines Tages denkt der babylonische Jude Nehemia beim Weinausschank an die Stadt Jerusalem, die Heimat der Juden, die Begräbnisstätte der Vorväter - die heilige Stadt. Viele Juden sind vor rund hundert Jahren dorthin zurückgekehrt, aus dem Exil, aus der "Babylonischen Gefangenschaft". Aber sie leben dort sehr provisorisch, sehr kümmerlich. In ihren Wohnhäusern haben sie sich wieder eingerichtet, aber ansonsten besteht Jerusalem nur aus Ruinen. Berlin 1946, so ähnlich. Die Stadtmauern, der Tempel, die öffentlichen Plätze und Gebäude - alles kaputt! Nehemia denkt also an Jerusalem, und sein König Artaxerxes fragt ihn: "Was hast du? Was ist los mit dir? Du schaust so traurig drein!" Und wir denken mit und ahnen schon: Der König wird ihm jeden Wunsch erfüllen, der ihn aus der Trauer herausholt. Nehemia erzählt darauf vom danieder liegenden Jerusalem und hat schon Baupläne im Kopf: Er braucht z.B. Holz aus dem Königsforst. Der König lässt ihn ziehen, mit guten Wünschen und Empfehlungsschreiben im Gepäck. Bei Nacht, ungestört, schaut sich Nehemia ganz allein die Lage an, die niedergerissenen Stadtmauern, die abgebrannten Häuser, diese deprimierende Verwüstung. Er macht sich ein Bild. Und dann ruft er, sagen wir: den Rat der Stadt zusammen und sagt:

"Ihr seht das Unglück, in dem wir sind, dass Jerusalem wüst liegt und seine Tore mit Feuer verbrannt sind. Kommt, lasst uns die Mauern Jerusalems wieder aufbauen, damit wir nicht weiter ein Gespött seien!"
Und er fährt fort hinzuweisen, wie gnädig die Hand Gottes über ihm gewesen war, und die wohlwollenden Worte des Königs zu wiederholen.
Und sie, sagen wir: die Ratsherren, sprachen: Auf, lasst uns bauen! Und sie nah-men das gute Werk in die Hand." ( Neh 2,17.18)

Und das taten sie wirklich. Im nächsten Kapitel (Neh 3) werden rund 40 Eigennamen genannt - Leute, die zur Kelle greifen, um die Stadtmauern wieder aufzurichten. Die Goldschmiede beteiligen sich, die Salbenmischer (= Apotheker), auch die Soldaten und Priester bleiben nicht untätig. Nur die Vornehmen, die Adligen, zieren sich und "beugten ihren Nacken nicht zum Dienst an ihrem Herrn". Aber die Nicht-Juden, die aus den tonangebenden Kulturen drumherum, spotteten und lästerten und fädelten ihre Intrigen ein.

Man weiß nicht so recht, was die Ratsherren und das Volk Jerusalems in den vergangenen hundert Jahren eigentlich gemacht haben. Die Wiederbelebung der Stadt gehörte wohl kaum dazu. Da muss ein Nehemia aus der Ferne - aus Babylon - kommen und die Leute erst einmal darauf bringen, nicht bloß das eigene private Leben und das eigene Häuschen "in Schuss zu halten", sondern die Stadt als Ganzes in den Blick zu nehmen.

Nehemia sieht die Juden als das "Volk Gottes", als seine Gemeinde in der Welt. Sein Horizont geht über den eigenen Vorgarten weit hinaus! Aber die Trümmer und Ruinen und zerstörten Mauern zeigen, dass die Gemeinde sich mit ihrer Ohnmacht abgefunden hat und ohne Kraft ist, die Zukunft zu gestalten. Sie, die Gemeinde, ist belanglos geworden für die Gesellschaft, und ihr Gott ist ein "Gott des eigenen Hauses" geworden, man ruft ihn an in Sachen Gesundheit, persönliche Probleme, eigene Familie. Da hört der Horizont auf - oft genug noch heute: am eigenen Gartenzaun. Er, der Schöpfer des Universums: nur noch ein Hausgott des Privatlebens! Ein kleiner Gott für die kleinen Sorgen des Alltags! Und die Heiden spotten. Der kleine Gott und das schwach gewordene Volk sind zum Gespött geworden für die Welt und alle Gegner Gottes.

Aber Nehemia mit seinem Mauer- und Tempelbau setzt ein Zeichen dagegen - gegen die Verkleinerung Gottes, gegen den damals schon mächtigen Slogan "Der Glaube ist Privatsache". Er setzt sich ein für den Dienst an der Welt. Das Volk Gottes - so wird Jesus es später auf den Punkt bringen - soll Salz der Erde und Licht der Welt sein. Es gibt Größeres als unsere private Existenz und den Rückzug in die eigenen vier Wände oder in die Nischen einer Gemeinde. Wir - alle Christen, alle Kirchen - sind gesandt, die leidenschaftliche Liebe Gottes zu seiner Welt in eben dieser Welt bewusst zu halten. Auch wenn die Welt sich versperrt und spottet und lästert und das Salz austritt und das Licht auslöschen will, wie es in der Verfolgung von Glaubenden weltweit zunehmend geschieht. Wir sind gerufen - zum gemeinsamen Gebet, zum Dienst an den anderen. Wir sind gerufen, das Evangelium zu leben - weil wir nicht für uns selber da sind.


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