Medardus
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Taufe JesuVersuchung in der Wüste

Predigt am 12. / 13.03.2011


Heute entführt uns das Evangelium in die Wüste. Vielleicht wollen wir da gar nicht hin. Wahrscheinlich sind uns die Oasen lieber. In den Oasen lebt es sich bequemer und angenehmer - unter Palmen, im Grünen, bei frischem Wasser. Da hat man reichlich, was man braucht, ist glücklich und zufrieden - und freut sich seines Lebens!

Wir brauchen solche langen Oasenzeiten - aber zwischendurch brauchen wir auch die Wüste! Wüste - das ist Alleinsein und Hungern und Dürsten und Suche und Sehnsucht und Aufbruch und Krise. Wüste, das ist ernst genommene Fastenzeit. Wüste: das ist: sich selber ganz anders erfahren, z.B. seine Grenzen - und Gott er-fahren, vielleicht auch ganz anders. Das schaffen die Oasen nicht, in der Oase lebt man in seinen Gewohnheiten, in der Routine, auch in der Routine des christlichen Lebens. Man spricht sein Gebet und geht in die Kirche - aber eine "Erschütterung", eine "Erleuchtung", ein Auf- und Umbruch, eine "Umkehr" stellt sich so nicht unbedingt ein.

Die Religionen stammen eher aus der Wüste oder verdanken ihr viel. Abraham, Mose, die Propheten, Jesus, Mohammed, die Wüstenväter Ägyptens: sie alle atmeten Wüstenluft. Das behagliche, satte, soz. "kuschelige" Wohlstandsleben der Oase prägte sie nicht und genügte ihnen nicht. Um Gottes willen zog es sie in die Wüste. Oder, wörtlich im Evangelium: "Jesus wurde vom Geist in die Wüste geführt". Ein Magnet ist im Spiel, der Geist Gottes, der ihn dorthin zieht. Jesus geht damit den Weg seines Volkes, das vierzig Jahre mit Mose in der Wüste herumirrt, ehe es sich im Gelobten Land niederlassen kann. Die vierzig Tage Jesu in der Wüste nehmen sich dagegen fast bescheiden aus.

Das Volk Israel hat damals die Wüstenzeit wie eine große Entziehungskur erlebt. In der Wüste steht nicht an jeder Düne eine Pommesbude und schon gar kein Getränkeautomat, schreibt sehr anschaulich Andreas Knapp, unser nächster Gast bei der Herbstveranstaltung "Grabt Brunnen" Nein, die Wüste ist kein Konsumparadies, sie ist nicht unterhaltsam und abwechslungsreich, - aber sie ist eine "Schule der Freiheit": man lernt in dieser Schule, sich nicht mehr gehenzulassen, sondern selbst zu gehen. Man lernt Verzicht - und Distanz zur Bequemlichkeit und zu den eigenen Bedürfnissen, die nicht um jeden Preis sofort zu stillen sind. Falsche Abhängigkeiten werden einem aus der Hand und aus dem Sinn geschlagen. Falsche Sicherheiten zerbrechen - und echter Glaube kann entstehen! In dieser durchaus schmerzhaften Schule der Wüste lernt man, seinen Weg mit Gott zu gehen - im Vertrauen auf ihn.

Ich glaube, unsere katholische Kirche geht gerade durch eine solche Wüstenzeit. Wir müssen Abschied nehmen von den "guten alten Zeiten" der Volkskirche, wie sie sich in der Erinnerung gern verklären. Abschied nehmen von den "fetten Fleischtöpfen der Vergangenheit", wo alles reichhaltig und in Mengen zur Verfügung stand, und denen das hungernde Volk Israel in der Wüste nachtrauert. Abschied nehmen vom "Haus voll Glorie", das prächtig und mächtig und bewundert auf dem Berge steht. Die Glorie hat uns wohl geblendet. Es scheint so, als würde Gott auch uns heute eine Entziehungskur und "Durststrecke" verordnen. Man kann das auch Läuterung nennen. Gott führt uns in die Wüste, führt uns in eine wirkliche Fastenzeit der Kirche: er ruft uns, ganz ehrlich und nüchtern und klarsichtig zu sein, nicht der Glorie der Vergangenheit hinterher zu hängen. Er ruft uns in die Gegenwart und Zukunft, ruft uns zur Umkehr, ruft uns auf neue Wege. Da soll uns die heimelige, gemütliche Oase zuhause nicht gleich wieder beruhigen. Da sollen wir vom Wesentlichen her leben. Die "eiserne Ration" dafür ist das Vertrauen in Gott. Er kann und wird die leeren Hände füllen, wenn wir sie ihm nur offen hinhalten - und nicht stattdessen nur auf unsere eigenen Pläne und Vorhaben starren. Keiner kennt den Weg in die Zukunft. Auch Abraham, der Vater des Glaubens, kannte ihn damals nicht. Aber er ging ihn, und Gott ging mit. Gott war der Kompass. Das will uns Gott vielleicht in der jetzigen Stunde der Kirche sagen.

Schmerzhaft ist die Schule der Wüste. Denn dorthin - in dieses Alleinsein und in diese Selbstbegegnung - kommt auch das Böse. Der Versucher. Biblisch gesprochen: der Teufel. Das vor allem wird im heutigen Evangelium erzählt. Der Versucher nimmt drei Anläufe: Steine zu Brot. Stürz dich hinab von des Tempels Zinne. Alle Reiche der Welt sind dein. Und immer sagt er: "Wenn du Gottes Sohn bist…"

"Wenn du Gottes Sohn bist…", das heißt: er nimmt Jesus nicht bei seinen Schwächen. Da würde man doch lieber ansetzen. Er nimmt ihn bei seiner Stärke, bei sei-nem Gottes-Sohn-Sein, bei seinem Gottesverhältnis. In dieses Verhältnis will der Teufel einen Keil treiben - er will Jesus vom Vater wegziehen. Er soll nicht mehr ihm vertrauen, sondern seiner eigenen Wundermacht, seiner eigenen Stärke.

Kann es sein, dass auch bei uns die Stärke die eigentliche Versuchung ist? Nicht unsere Schwäche: unsere Nachgiebigkeit oder unsere Launen oder unser Hang zu Alkohol oder Süßigkeiten? Nein, unsere Stärke, weil sie uns stolz macht: zum Beispiel:
--- Ein Mensch, der sehr fromm ist. Das ist seine Stärke. Manche sagen: Das ist ein Heiliger! Die Versuchung: Er glaubt, er hat bei Gott was gut. Er hat Ansprüche vor Gott. Er erwartet eine Extrabehandlung, Privilegien. Die Demut ist nur noch gespielt. Der Stolz hat sich in die Frömmigkeit hinein gefressen. Er vertraut mehr seiner Frömmigkeit, seiner Leistung, als Gott.
--- Ein Prediger mit großem Publikum. Viele sagen: Der predigt toll! Das ist seine Stärke. Die Versuchung: immer weniger verliebt sein in Gottes Wort, immer mehr in die eigenen Worte. Nicht mehr vor allem Gott predigen, sondern sich selbst! Und so wird er durch seine Stärke von Gott weggezogen.
--- Ein Mensch mit großem beruflichen Erfolg. Alle sagen: Das ist ein Könner! Das ist seine Stärke. Die Versuchung: er nutzt sie nur für sich, für sein Fortkommen. Die Anderen werden ihm egal. Die werden abgehängt. Und so steht er bald sehr einsam da, auch von "Gott und allen guten Geistern verlassen".

Liebe Schwestern und Brüder, das wäre ein sinnvoller Gedanke für die Fastenzeit: Werden meine Stärken mir zur Versuchung? Bringen mich meine Stärken von Gott und den Menschen weg? Jesus jedenfalls ist den Versuchungen nicht erlegen. Er ließ sich vom Vater nicht abbringen. Er probierte nicht seine Wundermacht oder seine eigene Bedeutung aus, sondern sein Vertrauen in den Vater. Und von dieser Ouvertüre an wurde er der, der er für uns ist: der Mensch-für-andere, für den Vater und für uns. Der Mensch des Gottvertrauens und der Hingabe. Der Sohn Gottes.


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