Predigt zur Verabschiedung von Hans Erlemeier, Pfarrer von Plettenberg
Predigt 04. 09. 2011
Kann man Verabschiedungen "feiern"? Oder kann man sie nur hinter sich bringen? Auf jeden Fall sind sie ein Anlass zu danken
- gerade jetzt, im Dank der Eucharistie, im Dank an Gott, auch Menschen zu danken - für ihren Dienst an Gott und den
anderen von ganzem Herzen Danke zu sagen!
Als Hans mich bat, hier und heute zu predigen, habe ich gerne zugesagt. Wir kennen uns seit 44 Jahren, seit der Zeit im
Bochumer Studienkolleg. Hans galt da als Bochumer Lokalpatriot, er kam aus der Propsteigemeinde und liebte seine
Pfarrkirche, hat damals sogar ein Buch mitveröffentlicht über das zentrale Bochumer Gotteshaus. Er war immer sehr
"verortet", bodenständig - keiner, der bis in die Südsee fliegen muss, um glücklich zu sein. Einer, der die
Wurzeln pflegt, der die Geschichte befragt und die Heimat schätzt. Und dem in den letzten 30 Jahren das Sauerland
längs der Lenne - in Altena, in Plettenberg, auch in Herscheid - zur Heimat geworden ist, Heimat, in der er bleiben
wird. 1985 hat er mich motiviert, sein Nachfolger in Altena zu werden. Ich fuhr dorthin, um mir die Stelle anzusehen - Harm
im Herzen, was sollte ich Großstädter am Ende der Welt? Ich wusste gar nicht richtig, wo dieses Altena
überhaupt lag. Und da saßen wir dann an einem warmen Nachmittag auf seiner Terrasse, die Rosen blühten und
dufteten, Altena sah so schön aus wie Heidelberg, und Hans sagte mir, dem Widerstrebenden: "Mach´s!" Sein Weg
führte dann nach Plettenberg, den Sinn für Schönheit, für Ästhetik nahm er mit, für die
Natur, für den Garten, für die Kunst. Ihm kann man es abnehmen, dass es dem Glauben nicht nur um das Wahre und
Gute geht, sondern auch um die Schönheit. Schönheit des Glaubens und der Liturgie! Und auch die Freude, die im
Glauben liegt.
Seine Karnevalsauftritte waren weithin berühmt, und durch seine ruhig - westfälische Ausstrahlung blitzt immer
wieder ein ebenso köstlicher wie trockener Humor. Manche Aufgaben führten ihn aus Plettenberg hinaus: das Amt des
Dechanten, der Vorsitz beim Caritasverband, das Engagement für die KAB. Aber jahrzehntelang blieb sein
Lebensmittelpunkt St. Laurentius hier in Plettenberg. In einem Alter, in dem fast alle in Rente gehen, mit 65, trat er
noch als "Großpfarrer" an in der jetzt geltenden, nicht von allen geliebten Struktur.
26 Jahre Pfarrer an einem Ort! Ruhig, besonnen, unaufgeregt hat er seinen Dienst getan, hat er mit der Gemeinde gelebt.
Diese wird - hoffentlich - den 70jährigen ebenso besonnen und gerecht würdigen und wird von ihm nicht mehr die
Power des 40jährigen erwarten, der noch in "Saft und Kraft" der Jugend steht. Sie wird ihm zubilligen, dass er aus
dem Alter eines Bruders in das Alter eines Großvaters weiter geschritten ist - ein sehr normaler menschlicher
Vorgang, der auch für Priester gilt! Und dass er ganz viel Energie und Einsatz und Leben in St. Laurentius gelassen
hat - in der oft aufreibenden Routine des Alltags, in vielen Impulsen, in tausenden Begegnungen, in der Feier der
Sakramente und in der Verkündigung, in Festen und Feiern, im Bearbeiten von Problemen, in der Begleitung von Menschen,
im Aushalten einer oft sperrigen und schlauchenden Realität von Kirche. Dafür gebührt ihm, dafür
gebührt Dir ein großer und herzlicher Dank! Wir wünschen Dir, dass für die Zukunft in Herscheid, im
"besonderen Dienst" noch vor dem Ruhestand, genügend Kraft bleibt, um unter heutigen Bedingungen ein Zeuge des
Glaubens, ein Zeuge für Gott zu sein!
Soviel zur Person. Nun ein Blick auf die heutigen biblischen Texte. Vielleicht sprechen sie ja auch, von einem ganz anderen
Ausgangspunkt aus, in unsere heutige Situation des Abschieds hinein:
Die Lesung zunächst. Der Prophet Ezechiel gibt ein Wort des Herrn weiter: "Ich gebe dich dem Haus Israel, ich gebe
dich dem Volk als Wächter!" Das ist der Auftrag des Propheten: ein Wächter zu sein. Ist es auch der Auftrag von
Menschen wie Hans Erlemeier, zu wachen und gerade dann wachsam zu sein, wenn viele schlafen und den richtigen Zeitpunkt
verschlafen und vor allem nur ihre Ruhe wollen? Pastor, so wird unsereins oft angesprochen, Herr Pastor, und das
heißt bekanntlich: Hirte. Hirten wachen. Nicht als Aufpasser und Wachtposten im Interesse einer Macht oder einer
Doktrin - wie "Blockwarte" bei den Nazis oder Kommunisten - nein, Hirten sind Wächter im Interesse der Menschen,
für die sie da sind. Wächter in der Nacht, in der heutigen Nacht des Glaubens, in der viele nur noch schwarzsehen
- oder gar nichts mehr sehen. Wächter da, wo viele andere im Schlaf verharren - auch im Kirchenschlaf. Man hört
von denen nichts - nur Schnarchen! Wächter, die Ausschau halten und das Morgenrot und den neuen Tag kommen sehen, die
"Zeichen der Zeit" beachten und Augen der Hoffnung haben. Wächter, die auch Wecker sind, die andere mitreißen
und motivieren und zu Gott hin "locken". Wächter, Wecker, die nicht locker lassen mit ihrer Hoffnung, mit ihrer
"Begeisterung" - und darum auch anecken und anderen mitunter "auf den Wecker fallen". Wächter, Wecker, die die
Gemeinde wach und aufmerksam halten für Gottes Dasein und Gottes Kommen!
Im Evangelium erklärt sich Jesus Christus selber als anwesend im Leben der Gemeinde: "Wo zwei oder drei in meinem
Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen." Wir singen das gerne, und wir sollten uns ganz tief auf dieses Wort
einlassen. Er ist da, anwesend, präsent, gegenwärtig bei den zwei oder drei oder dreihundert. Die Zahl scheint
ihm nicht so wichtig. Auf die große Quote kommt es ihm nicht an, wohl aber auf die innere Ausrichtung: "in meinem
Namen"! In seinem Namen ist Hans Erlemeier damals angetreten, 1973 bei seiner Priesterweihe. In seinem Namen ist er
geblieben - mit einigen Tausend Menschen, denen er ein Mitgeher sein konnte. Zwei oder drei: das ist sozusagen das Modell.
Nicht bloß einer allein! Einer allein - das wäre zu wenig. Einer allein mag Gott suchen und den Glauben; aber
wie kann der die Liebe erfahren, die von Gott her aus dem Glauben kommt? Zur Liebe gehören mindestens zwei! Zwei sind
auf dem Weg nach Emmaus, und Jesus geht mit ihnen, und alles ist schon da in diesem Gang zu zweit und zu dritt: das
Miteinander und das Gespräch, der Versuch, sich in aller Ratlosigkeit zu stützen, das Wort Gottes samt den
Funken, die es aussprüht, so dass die "Herzen brennen". Sodann das Haus und das Mahl mit dem Brotbrechen, und
schließlich das größte Wunder: mitten in der Nacht gehen die beiden die zwölf Kilometer zu Fuß
zurück nach Jerusalem, um den anderen zu erzählen, was sie da auf ihrem Emmaus-Gang erlebt haben, und um sie
teilnehmen zu lassen an ihrer österlichen Freude. "Die Anderen" bleiben nicht außen vor; die beiden Jünger
von Emmaus haben nicht - in heutigem Jargon - "eine schöne spirituelle Selbsterfahrung" für sich selbst gemacht;
dann wären sie nach der Begegnung mit dem Auferstandenen friedlich und glücklich ins Bett gegangen und
hätten schön geträumt. Sie können gar nicht anders: sie müssen hin zu den anderen - sofort! In der
Nacht! Auch sie sind Wächter und Wecker. Und man kann mit Händen greifen in den biblischen Texten, gerade auch im
heutigen Evangelium, wie wichtig und verbindlich die Gemeinschaft mit den anderen ist: wenn Gott die Liebe ist, wie kann
man dann an Ihn glauben ohne die anderen? "Nur die Liebe schuldet ihr einander immer", schreibt Paulus im Römerbrief
(in der zweiten Lesung). Und darum ist die Gemeinde, die Kirche, kein Nebenthema des Glaubens, das man je nach Geschmack
und Laune behandeln kann nach dem Motto: Ich brauch die anderen nicht, ich brauch keine Gemeinde, ich komme mit meinem Gott
auch allein ganz gut klar! Nein, der Gott der Bibel bindet sich an die Menschen, an die anderen! Und so schrieb der
glühende französische Christ Charles Peguy vor rund hundert Jahren: "Man muss gemeinsam beim lieben Gott
ankommen. Man muss sich gemeinsam vorstellen. Es dürfen nicht die einen ohne die anderen ankommen und den lieben Gott
aufsuchen. Es müssen alle gemeinsam in das Haus unseres Vaters zurückkommen."
Darum das äußerst aktuelle Vorgehen Jesu im heutigen Evangelium, mit Konflikten umzugehen: erst mal mit dem
anderen reden. Mit ihm reden - nicht über ihn herziehen! Dann Zeugen einschalten, dann die Gemeinde. Vor allem dies:
ihn ernst nehmen. Ihm nachgehen, ihn nicht laufen lassen, ihn nicht links liegen lassen. Der gute Hirt im vorausgehenden
Gleichnis geht dem verlorenen Schaf nach. Gott geht uns Menschen nach - aus Liebe, aus einem Überfluss an Vergebung.
Und wir tun gut daran, es so zu machen wie Gott und sehr unaufdringlich, sehr behutsam anderen nachzugehen. Das
wäre eine Weise der Liebe, zu der wir alle gerufen sind.
Pfarrer kommen und bleiben kürzer oder länger (26 Jahre!) und gehen wieder. Aber die Gemeinde bleibt und
überdauert ihre Hirten - Gott sei Dank! St. Laurentius bleibt als Name des Patrons - und als Herausforderung.
Laurentius war Diakon, ging den Menschen nach, betrachtete die Armen von Rom als die "Schätze der Kirche". Gott und
der Nächste, Gott und der andere - das gehört zusammen! Halten Sie alle hier in der Pfarrei diese beiden Enden
der Liebe zusammen: Gott - und den Nächsten. Dann wird es hier gut weitergehen. Denn: "Wo zwei oder drei in meinem
Namen versammelt sind - da bin ich mitten unter ihnen!"
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