Der Papst in Deutschland
Predigt am 25.09.2011
Viele haben in den letzten Tagen lange Stunden vor dem Fernseher verbracht - ich auch! Der Papst in Deutschland, in
schwierigen Zeiten. Da wollten wir hin sehen und hin hören! Der Besuch war vorher ja fast kaputt geredet worden in den
Medien: mit der typisch deutschen Nörgelei, überall ein Haar in der Suppe zu finden. Und was wurde daraus? Ein
Fest des Glaubens - in Berlin, in Erfurt, im Eichsfeld.
Petrus bekam damals von Jesus den Auftrag mit: Du stärke die anderen, stärke ihren Glauben! Das hat der
Nachfolger des Petrus versucht - in bewegenden Gottesdiensten. Berührend, wenn eine große Menschenmenge auf
einmal ganz still wird! Berührend die Freundlichkeit und Freude der Menschen, alles andere als eine herbei befohlene,
grimmig blickende Masse. Berührend manche Worte, die im Ohr bleiben und im Herzen: so wenn der Papst im Bundestag
beginnt mit dem Politiker Salomon, König von Judäa, der einen Wunsch offen hat bei Gott und sich nicht Erfolg und
Siege herbeiwünscht, sondern ein "hörendes Herz". Ein hörendes Herz! Ich denke und hoffe, mit einem
hörenden Herzen hat sich der Papst selber den Menschen genähert. Es sind zwar keine Reformen, auch keine
"ökumenischen Gastgeschenke" überreicht worden, wie viele gehofft haben. Aber eine Reise ist auch nicht unbedingt
die Gelegenheit dazu. In einem Roman las ich gestern den Satz: "Weißt du, es gibt so vieles auf der Welt. Nicht nur
das Hier und Jetzt!" Dieses Viele, diese Fülle - über alle Aktualitäten des Tages hinaus - wollte der Papst
wohl zeigen, diese Fülle und Schönheit des Glaubens. Das tat gut. Es tat gut, wieder zu erfahren: Es ist
schön, Christ zu sein. Es ist schön, katholisch zu sein!
Aber das Aktuelle ist damit nicht erledigt. Es ist nicht vom Tisch. Menschen denken zu recht "aktuell", konkret, lebensnah.
So unser Bundespräsident mit seiner Frage, die auch sein eigenes Leben berührt: "Wie kann die Kirche
barmherzig sein mit all denen, die Brüche in ihrem Leben, z.B. in ihren Ehen haben?" Die Frage nach einer Kirche, die
so barmherzig ist wie ihr Herr Jesus Christus, ist noch offen - sie muss noch beantwortet werden.
In den Medien kam die schönste Idee von einer Zeitschrift (Christ in der Gegenwart), die eine Umfrage startete:
Worüber ich mit dem Papst gerne einmal beten würde? Einige Antworten von Prominenten:
Der Benediktiner Anselm Grün:
… dass die Kirche eine Sprache findet, die die Menschen in ihrem Herzen berührt - eine Sprache, die die tiefste
Sehnsucht der Menschen anspricht - die Sehnsucht nach Gott. Eine Sprache, die der Sprache Jesu entspricht, eine Sprache,
die die Herzen brennen lässt. Mit dem Papst bete ich, dass wir mit unseren Worten ein Haus bauen, in dem sich die
Menschen gestärkt und zu Hause fühlen.
Die Fernsehmoderatorin Nina Ruge:
…dass wir unser Herz stärken mögen, im Sinne der Bibel. Dort ist das Herz auch der Sitz des Willens und
Verstandes. Dann werden wir billige Versprechungen im Nu durchschauen, uns von keinem Rattenfänger verführen
lassen und die neue Form der Demut lernen. Ich würde also mit dem Papst beten mögen für ein
verständiges Herz, das uns frei macht.
Eine Sozialpolitikerin:
Die Macht des Geldes und der Finanz ist so anmaßend wie noch nie: ein entfesselter Tanz um das Goldene Kalb. Wir
müssen uns von der Leitidee des "Höher, Schneller, Weiter" befreien und die weltweite Sicherstellung der
menschlichen Grundbedürfnisse und die Bewahrung der Schöpfung zum obersten Ziel der Wirtschaft erklären. Mit
dem Papst würde ich gern dafür beten, dass alle Verantwortlichen Mut gewinnen, die Wahrheit auszusprechen und
genügend Kraft zur Umkehr besitzen auf dem langen Weg, den Menschen weltweit ein Leben in Fülle zu
ermöglichen.
Der Komponist Gregor Linßen:
Für die Freiheit würde ich mit dem Papst beten. Für die Suche nach dem rechten Maß zwischen der
Freiheit des Einzelnen und der Freiheit in Gemeinschaft. Ich bete darum, dass diese Suche in allen Kirchen und Religionen
frei von Machtgedanken und ohne Angst vor der Vielfalt geschehen kann.
Ein führender Muslim:
Dass Gott uns durch seine Barmherzigkeit und seinen Frieden so stärkt und ermutigt, dass wir gemeinsam gegen jeden
Krieg und für eine weltweite Gerechtigkeit auftreten. Und dass der Himmel Gottes auch die Herzen erreicht und erweicht,
die härter als Felsen und schwärzer als eine Nacht ohne Mondschein sind.
Ein evangelischer Pastor:
Mit dem Papst würde ich gerne dafür beten, dass Gottes Geist die Spaltungen unter den Christen beseitigt - mit
ihm um die Einheit der Kirche bitten, auch um eucharistische Gemeinschaft.
Der Präsident des Zentralrats der Juden:
Ich bete um Vertrauen zwischen Juden und Christen. Um ein Feuerwerk von Freundschaft, das nie verglüht. Um einen
Dialog auf Augenhöhe, respektvoll und herzlich. Und dass wir alle wachsen mögen an dem, was uns bindet und
verbindet - wie schön wäre das!
Der bekannte Fernsehjournalist Peter Hahne:
Mit dem Papst möchte ich dafür beten, dass wir uns gemeinsam an der Wahrheit und Schönheit des Glaubens mehr
freuen, ihn selbstbewusster vertreten, überzeugender und fröhlicher praktizieren - ganz im Sinne Martin Luthers:
Die Freude ist der Doktorhut des Glaubens.
Schließlich Peter Frey, der die Papstreise im ZDF moderiert hat; er erzählt ganz konkret von einer belastenden
Situation in seiner Familie: Bruder Papst, beten möchte ich mit dir für zwei Schwestern, beide fast 80 Jahre alt,
die ein tiefer Riss im Leben geprägt hat und die sich nun im Alter wieder finden. Die jüngere verliebte sich vor
60 Jahren in einen evangelischen Mann, "musste heiraten" - ein Sündenfall für ihre "gut katholische" Familie. Sie
wurde seitdem viele Jahre geschnitten. Nicht dabei bei der Hochzeit, die Straße gewechselt, wenn sie kam -
katholisch gegen evangelisch! Das schmerzt bis heute, auch wenn man später wieder in Kontakt kam. Mit dir, Heiliger
Vater, würde ich zum barmherzigen Gott beten, dass er diese Schwestern wieder innerlich zusammenführe und
versöhne - ohne falsche Schuldgefühle - und die Kirche davon abbringe, den sogenannten rechten Glauben über
das Wohl der Menschen zu stellen. Der Gott der Liebe darf die Menschen nicht trennen.
Liebe Schwestern und Brüder, der Gott der Liebe darf die Menschen wirklich nicht trennen! Vielleicht haben die letzten
Tage gezeigt, dass er verbindet, dass er zusammenführt.
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