Medardus
Eine Gemeinde der
Pfarrei St. Medardus

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Katholische Kirchengemeinde St. Joseph und Medardus - Jockuschstraße 12 - 58511 Lüdenscheid - Tel. 02351 / 66400-0

Gemeindefahrt nach Äthiopien

Auf der Suche nach den christlichen Wurzeln

(19.11.2011 JB - Lüdenscheider Nachrichten) Man muss Äthiopien nicht in Lüdenscheid einführen. Starke Bande bestehen bereits: so mit dem CVJM - und vor allem mit der Kreuzkirchengemeinde, deren früherer Pastor Martin Gossens seit Jahren in Addis Abeba lebt - als Seelsorger der dortigen deutschen Gemeinde. Für die Mitglieder der Reisegruppe aus St. Joseph und Medardus - 24 an der Zahl - war Äthiopien aber eine Neuentdeckung. Das Land hat uns alle schwer beeindruckt.
"Was willst du denn in Äthiopien? Da gibt es doch nichts zu sehen!" wusste die Mutter einer Teilnehmerin zuvor. Andere meinten: "Da sind doch nur Dürrekatastrophen und Hungerelend!" Grund genug, sich selbst ein Bild zu machen! Wir taten dies zwischen dem 23.10. und 02.11., und die Bilder, die wir uns machten, gehen uns allen nach!
Äthiopien ist Afrika, ein guter Einstieg in den "dunklen Kontinent". Erleichtert wird der Einstieg durch das angenehme Klima. Man bewegt sich schließlich auf dem "Dach Afrikas", immer zwischen 2000 und 3000 Metern. Ein Maultierritt zu einem Kloster in den Bergen über Lalibela führte uns noch darüber hinaus. (Die Maultiere und wir werden diesen Ritt wohl niemals vergessen!) Die Bergwelt ist grandios, oft bizarr, und die Felder prangen im Frühling, wie ein Flickenteppich, grün und gelb. Die ganze Bevölkerung scheint von der Landwirtschaft zu leben, von Schafen, Ziegen und Eseln. Afrika pur- und doch anders! Auch Orient und Arabien - der Jemen etwa liegt nicht weit. Es gab immer Querverbindungen. Das zauberhafte Wort "Saba": Die Königin von Saba, die den weisen Salomon in Jerusalem aufsuchte, bald tausend Jahre vor Christus, und dann samt gemeinsamem Sohn nach Äthiopien zurückkehrte. So wurde sie die mythische Stammmutter eines mehr als zweitausendjährigen Kaiserreichs, das 1975 mit der Ermordung des legendären Kaisers Haile Selassie endete (der Kommunist Mengistu hatte ihn auf dem Gewissen). Das nationale Selbstbewusstsein gründet hier. Die Äthiopier sind stolz auf eine urlange Tradition, auf die fast ununterbrochen durchgehaltene Unabhängigkeit (bis auf die italienische Invasion 1936-41). Fast noch stolzer sind sie auf Lucy: das millionenalte Mädchen, dessen Reste wir in einer Vitrine im Nationalmuseum umdrängten, wurde schließlich nicht in Europa gefunden, sondern in der äthiopischen Wüste. Wiege der Menschheit! Und so zeigt sich in Äthiopien, was immer war. Man macht eine Zeitreise wie in vergangene Zeiten. Wer einen Bibelfilm drehen möchte, müsste hier - auf dem Lande - nicht viel verändern! Langsam nur kommt hier die Moderne ins Spiel: ein Kutscher auf einem brennholzbeladenen Eselskarren, der mit der einen Hand die Zügel hält und in der anderen das Handy ans Ohr drückt.
Die Nachfahren von Lucy und der Königin von Saba heute: was mag typisch für sie sein? Der Lüdenscheider Haupteindruck: Sie strahlen eine große Würde aus: In jedem steckt immer noch etwas von einem König, einer Königin. Ich selber habe vor allem Porträts fotografiert: was für Gesichter! Die Menschen gehen respektvoll miteinander um, freundlich, geduldig, niemals haben wir Aggressionen erlebt. Eine Joggingläuferin aus der Gruppe zog morgens noch im Dunkeln ohne jede Angst ihre Bahnen. Misrak, ein junger Andenkenverkäufer, der bald ein Studium beginnt, kaum etwas besitzt und ganz viel weiß - mehr, glaube ich, als der Schnitt der Gleichaltrigen bei uns - steht für das Potential dieses Volkes. Es hat nicht nur diese archaisch-zeitlose Seite, sondern eine Begabung zur Hoffnung und zur Zukunft. "I am happy, ich bin glücklich," sagt Misrak. "Ich möchte etwas für mein Volk tun, daher versuche ich, Ingenieur zu werden." Besonders in den Städten - die Hauptstadt Addis Abeba hat rund drei Millionen Einwohner und den größten Markt Afrikas - spürt man starke Veränderungen. Überall wird gebaut, mit großen Schritten geht dieses Land vorwärts.
Äthiopien wäre nicht zu verstehen ohne sein orthodoxes Christentum, das eine ganz eigene Prägung hat. Europa - Rom - hat hier nie hineingewirkt. Als wir in Lüdenscheid noch zu Wotan und den alten germanischen Göttern beteten, wurden in Äthiopien schon Klöster und Kirchen gebaut. Es ist die älteste christliche Nation auf der ganzen Welt! Bewundernswert die Kirchen von Lalibela, deren bekannteste, St. Georg, aus dem Fels geschnitten wurde, wie eine Bildhauerarbeit. Uns überraschten die vielen judenchristlichen Züge, etwa die Bundeslade, die in Aksum verehrt und in allen Kirchen symbolisiert wird. Der Glaube umfasst das ganze Leben, die von uns empfundene Ausstrahlung der Würde hat sicher damit zu tun, und auch die jungen Menschen bezeichnen sich als gläubige Christen. Kein Wunder, dass in den Andenkengeschäften selbst auf den Flughäfen vor allem Ikonen und Kreuze zu finden sind.
"Einzigartiges Erlebnis," schrieb mir heute ein Teilnehmer. Ja, einzigartig ist dieses Land Äthiopien - ganz anders, von einer großen Tiefe. Es wird uns noch lange nachgehen.

Johannes Broxtermann