Medardus
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SpeeOh Heiland reiß den Himmel auf ...

Predigt 26. / 27. 11. 2011

Geht es Ihnen auch so? Wenn ich Advents- oder Weihnachtslieder singen kann, dann spüre ich am deutlichsten: Es ist Advent. Es ist Weihnachten. Die Lieder transportieren in ihren Texten und Melodien den Advent, bringen ihn herüber.

Zum Beispiel dieses:
O Heiland, reiß den Himmel auf,
herab, herab vom Himmel lauf.
Reiß ab vom Himmel Tür und Tor,
reiß ab, wo Schloss und Riegel vor.
Wo bleibst du, Trost der ganzen Welt,
darauf sie all ihr Hoffnung stellt?
O komm, ach komm vom höchsten Saal,
komm, tröst uns hier im Jammertal.
O klare Sonn, du schöner Stern,
dich wollten wir anschauen gern.
O Sonn, geh auf, ohn deinen Schein
in Finsternis wir alle sein.


Dieses Lied stammt von dem Jesuiten Friedrich von Spee. Er hat es geschrieben vor vierhundert Jahren, im dreißigjährigen Krieg. Das war eine höchst grausame Zeit. Die Hälfte der Bevölkerung stirbt, Hungersnöte und Seuchen wüten, Mord und Totschlag sind an der Tagesordnung. Da sind tatsächlich die Horizonte verfinstert. Da wirkt der Himmel wie mit einem Schloss und einem Riegel davor - verschlossen, verriegelt, versperrt.
"O Heiland, reiß die Himmel auf…." - das ist eigentlich kein Lied,das ist als ein Schrei zu hören! Der Schrei einer Menschheit, die nicht weiter weiß, die in Gott "den Trost der ganzen Welt" finden möchte, aber vor verschlossene Türen läuft. Friedrich von Spee schreit mit: "Komm! Zeig dich!"
Spee ist bekannt geworden als der Anwalt der Frauen, die als Sündenböcke für das Elend dienen müssen. Man nannte sie Hexen; sie wurden verfolgt, gefoltert und verbrannt. Der tapfere Pater dichtet und singt nicht nur, er träumt sich nicht aus der Welt heraus. Er sieht die Not der verfolgten und bedrängten Menschen mit ganz wachen, offenen Augen - und hilft, wie er nur kann. Dadurch bringt er sich selber in Gefahr. Der Fürsprecher für die "Hexen", so sagen damals viele Leute, muss wohl selber mit dem Teufel im Bunde sein! Aber von Spee hält stand. Er verstummt nicht. Er findet Worte, so unser Adventslied. Und im Schreien und Singen und Fragen ("Wo bleibst du?") findet er sich und dringt durch zu neuer Hoffnung, - Adventshoffnung.

Könnte das Advent sein, wirklich christlicher Advent heute und nicht bloß Kalender-advent: mit Friedrich von Spee zu rufen, zu schreien, zu singen: "Komm! Zeig dich!" Das ist der alte Erwartungsruf der ersten Christen, das allerletzte Wort in der Bibel: Maranatha. Komm, Herr Jesus, komm bald. Lass nicht so lange auf dich warten.
Ist unser Advent - neben allem lieb gewordenen Brauchtum - noch wirkliche Erwartung? Ist unser Advent mehr als Bratäpfel und Glühwein? Nicht nur die Erwartung eines Festes - Weihnachten -,das eh automatisch kommt, so sicher wie das Amen in der Kirche. Nein, anders muss die Erwartung sein - größer!
Erwarten wir, dass Gott kommt? "Dein Reich komme", beten wir immer wieder, in jedem Vaterunser. Meinen wir es ernst? So ernst wie der Pater von Spee, der in seinem leidenschaftlichen Einsatz für die Armen etwas vom kommenden Reich aufleuchten lässt? Unter dem verschlossenen Himmel leuchten dennoch Lichter der Hoffnung - Menschen, menschenfreundliche Menschen, gottesfreundliche Menschen. Hier in unseren christlichen Gemeinden spüre ich viele solcher Hoffnungslichter. Viel Solidarität oder Liebe oder compassion, Mitgefühl nennen wir es. Viel in Richtung Reich Gottes. Und darum viel vom Advent.

Advent, d.h. die Erwartungen nicht zu klein schrauben. Nicht nur ein friedliches, harmonisches Fest am Ende des Advents! Die Erwartung ist viel größer: Gott selber wird erwartet. Der Himmel öffnet sich - in Jesus Christus. Mit Schloss und Riegel ist es dann vorbei. Drunter tut es die Erwartung nicht! Dafür braucht man offene Augen - man darf ihn nicht übersehen. Dafür braucht man ein großes Herz. Dafür braucht man Typen wie Friedrich von Spee, die bei den Opfern und Unterlegenen dieser Welt sind und den Mund nicht halten. Die schreien und beten und seufzen: Ach, komm, öffne den verfinsterten Himmel! Und dem Adressaten einen Namen geben: Heiland. Einer, der das Kaputte und die Kaputten heil macht, ganz macht, aus der Dunkelheit heraus holt und ins Licht stellt.
Was können wir heraushören aus dem Lied und dem Liedermacher? Eine ungeheure Sehnsucht. Eine Sehnsucht, die sich noch nicht hat unterkriegen lassen von der Re-signation, von der Erwartungslosigkeit. "Unruhig ist unser Herz - und voller Sehnsucht", sagt der große Augustinus. "Wie unreine Menschen sind wir alle geworden, unsere ganze Gerechtigkeit ist wie ein schmutziges Kleid", sagt Jesaja in der Lesung, und er fährt fort: "Wie Laub sind wir alle verwelkt. Niemand ruft deinen Namen an, keiner rafft sich dazu auf, festzuhalten an dir. Du hast dein Angesicht vor uns verborgen." Sätze, die so klingen, als wären sie heute geschrieben! Die Erfahrung, dass die Verborgenheit Gottes zur Gottvergessenheit der Menschen führt. Kaum einer rafft sich auf zu dir hin.

Wünschen wir uns und erbitten wir ein Herz, das unruhig bleibt angesichts des "schmutzigen Kleids" und bereit ist, sich aufzuraffen - hin zu Gott. Erbitten wir ein Herz, das sich nicht satt machen und einschläfern lässt, auch nicht von all den schönen Dingen, die im Advent nach vorne treten. Ein Herz, das ausschaut und die Augen öffnet. Ein Herz, das "hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit", nach einer Gerechtigkeit für alle Menschen. Auch für die in den armen Ländern. Auch und gerade für die, die arm dran sind bei uns. In diesem Sinne: gesegnete Adventstage!

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