Blickrichtung zum göttlichen Licht
Predigt 10./11.12.2011
Im Advent betreten wir die Welt der Propheten: Jesajas etwa und Johannes des Täufers. Es sind Menschen, die "weiter
sehen, als wir sind", weiter sehen als die anderen. Sie sehen hinter den Augenschein. Bei Johannes klingt das so: Mitten
unter euch steht einer, den ihr nicht kennt.
"Ich sehe was, was du nicht siehst", - das haben wir als Kinder gespielt. Und das ist die Gabe der Propheten: das, was
unerkannt ist und verborgen zu "sehen" und bekannt zu machen. So werden sie zu Sprechern Gottes, zu seinen
"Öffentlichkeitsarbeitern". Denn Gott ist da und gegenwärtig, aber verborgen bis auf den heutigen Tag. Die
Propheten geben eine Seh-Hilfe, eine Brille, um das Verborgene, den Verborgenen zu sehen - mit den "inneren Augen", den
Augen des Herzens und des Glaubens.
"Ton abgeben", auch das haben wir als Kinder gespielt. Wir spielten Verstecken, und wenn ein Kind sich so gut versteckt
hatte, dass man es gar nicht fand, riefen wir "Ton abgeben!" Dann wussten wir, in welcher Richtung wir zu suchen hatten.
Die Propheten "geben den Ton an", geben die Richtung der Suche an. Sie sind eine Stimme, die Stimme eines "Rufers in der
Wüste". Sie stehen nicht für sich selbst, sondern sie stehen und gehen und rufen für einen Anderen. Sie
"offenbaren" ihn. Wir nennen die ganze Bibel "Offenbarung Gottes". Im Lateinischen bedeutet Offenbarung: "einen Schleier,
einen Vorhang wegziehen", so dass man sehen kann.
Stellen Sie sich vor, man würde einer ganz streng muslimischen Frau die Burka, die völlige Verhüllung
wegnehmen - erst dann kann man sehen, wir schön sie ist! Oder ein Vorhang zerreißt und man macht offenbar, was
dahinter ist. Das passiert übrigens in dem Augenblick, als Jesus am Kreuz stirbt - da zerreißt der Vorhang im
Allerheiligsten des Tempels. Er hat ausgedient, er ist nicht mehr nötig. Gott tritt zutage, kommt ans Licht,
"lässt die Schleier fallen" - aber wie! Nicht in Glanz und Gloria, sondern in einem blutigen, zerschlagenen,
gekreuzigten Leib! Ein heidnischer römischer Hauptmann steht unter dem Kreuz, er sieht das "Haupt voll Blut und
Wunden" und bekennt: "Wahrlich, dieser Mensch war Gottes Sohn!" Das ist Offenbarung pur - durch einen Heiden, und sie
mutet uns einiges zu. Denn das, was sichtbar wird, wenn die Propheten den Schleier fallen lassen, ist anders, ganz anders,
als die Menschen es sich dachten. Das durchkreuzt unsere religiösen Gedanken und Vorstellungen. Das liegt quer! Ob wir
wollen oder nicht: Wir stellen uns - fast automatisch - Gott als übergroßen Herrscher vor. Er sitzt auf dem
Thron seiner Macht. Aber was zeigt uns die Offenbarung? Ein Kind - es liegt in der Krippe der Armut -, einen jungen Mann,
einen Wanderprediger. Er zieht umher, ohne festen Wohnsitz, man kann ihn so leicht übersehen. Mitten unter euch steht
er, unerkannt! Er gibt sein Wort, er gibt seine Kraft, er heilt und tut Wunder, setzt Zeichen der Liebe, die uns heute noch
die Tränen in die Augen treiben können, er schafft eine Gemeinschaft , - und wird doch abgelehnt von den meisten
seiner Zeit. Er scheint zu scheitern, wird schließlich verfolgt und am Kreuz getötet. So einen kann man leicht
übersehen. Er hätte eine kleine Fußnote, eine Episode in der Geschichte der Menschheit bleiben können.
Wirklich: unerkannt hätte er bleiben können mitten unter uns.
Aber es kommt anders. Jesus findet Zeugen, vor allem durch das, was wir "Auferstehung" nennen. Die meisten bezeugen ihn im
Nachhinein. Sie haben ihn erlebt und erzählen davon. Sie lassen alles liegen und stehen, für ihn: die Jünger,
die Apostel, dann Paulus. Johannes der Täufer bezeugt ihn im Vorhinein. Er ist der Vorläufer, der Mann mit dem
"Riecher" für das Kommende, für den Kommenden.
Johannes steht im Schatten. Er zeigt nicht auf sich, sondern auf das Licht, auf das Licht der Welt. Für das Licht,
für Jesus legt er Zeugnis ab. Er selber nimmt sich ganz zurück! Als unwürdig sieht er sich an, dem kommenden
Messias auch nur die Schuhe aufzuschnüren! Und damit wird er ein unerreichtes Vorbild für die Kirche. Sie stand
und steht immer in der Gefahr, auf sich selber zu zeigen und sich selber wichtig zu machen. Aber sie ist genauso
"vorläufig" wie der Vorläufer Johannes. Sie kommt und geht, während Gott allein ewig ist. Sie ist dazu da,
um zu dienen. "Eine Kirche, die nicht dient, dient zu nichts", sagt der französische Bischof Jacques Gaillot, der sich
seit Jahrzehnten für Migranten und Obdachlose einsetzt. Die Kirche steht selber im Schatten, - zurzeit in sehr dunklen
Schatten -, aber von dort aus blickt sie ins Licht! Sie ist ein globaler, in allen Ländern anwesender Zeigefinger und
Fingerzeig für das göttliche Licht. Sie ist die Gemeinschaft, in der viele Menschen nach wie vor dieses Licht
bezeugen und dafür einstehen. Diese Blickrichtung - hin zum Licht Gottes - ist das Entscheidende. Wir sind in jeder
Messe, in jedem Gebet auf Gott hin gerichtet. Wir kreisen hoffentlich nicht um uns selbst, auch wenn wir viel auf dem
Herzen haben und aus unserer Haut nicht heraus können. Wir "produzieren uns nicht", sondern stellen unsere inneren
Antennen auf Empfang. Gott sieht uns an, mit liebevollem Blick. Und wir sehen auf ihn, hören auf ihn, öffnen uns
in Richtung Gott! Still werden, lauschen, hören, Gott Raum geben in uns, die Kommunion empfangen - das sind jetzt
Stationen unserer Ausrichtung.
Kirche ist Kirche Jesu Christi, wenn sie ins Licht blickt - und wenn sie dient. "Ich bin nicht Herr eures Glaubens, sondern
Diener eurer Freude", so sieht sich der Apostel Paulus (2 Kor 1,23). Denn die Freude hängt ab von unserer
Blickrichtung. Richten wir unseren Blick ins Dunkle und in die Schattenwelten, dann wächst die Entmutigung. Blicken
wir in die Richtung des göttlichen Lichtes, dann wächst die Freude. Nicht nur am Sonntag "Gaudete"!
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