Brückenschlag zwischen Himmel und Erde
Predigt 18.12.2011
Von vier "Personen" ist in unserem Evangelium die Rede: Maria, dem Engel, Joseph und dem Kind. Dabei steht Joseph ganz am
Rande, er wird bewusst "draußen vor" gehalten. Das Kind wird nur angekündigt, es ist noch nicht da. Den Engel
kann man kaum eine "Person" nennen. Bleibt nur Maria übrig.
Dennoch: erster Blick auf den Engel. Er hat einen Namen: Gabriel. Engel liegen außerhalb unserer alltäglichen
Erfahrung. Ich habe hier einen Engel dabei. Kindergartenkinder haben ihn mir geschenkt. Ich mag ihn sehr. Er ist so stabil,
so bodenständig! Engel sind sonst in der Kunst wie "transparent", durchsichtig. Ein Künstler, den ich kenne, hat
einen Engel aus Bronze gemacht. Der besteht nur aus Löchern - mit etwas Bronze drum herum. Der Künstler wollte
damit unterstreichen, dass ein Engel ein Geistwesen ist und nicht aus Materie besteht, aus Fleisch und Knochen. Ein
Geistwesen: ein Wesen aus einer anderen Welt. Aus dem "Himmel". Ein Bote Gottes in die Welt hinein. Mein Engel hier mit
seinem kräftigen Körper aus Holz ist wirklich in der Welt "angekommen", hat sich sozusagen "angepasst". Aber er
kommt von woanders her. Er verbindet Himmel und Erde. Er ist wie eine Brücke. Und solche Brücken sind wichtig!
Denn Himmel und Erde geraten immer mehr auseinander - wie ganz verschiedene Welten, die nichts miteinander zu tun haben.
Die Menschen scheinen ohne den Himmel auszukommen, ohne Gott. Ob Weihnachten wieder ein Brückenschlag von Gott zu uns
Menschen und von uns zu Gott wird?
Wenn hier der Engel Gabriel auftaucht, heißt das: Es geht um eine "Chefsache". Gott selber meldet sich! Was jetzt
kommt, haben nicht Menschen sich ausgedacht. Es kommt nicht von uns. Es sind nicht unsere Wunschträume, unsere
Hoffnungen, die sich dann in eine Geschichte kleiden. Es wird uns gesagt, es wird uns verkündet! Es wird uns gesagt,
dass Gott der Welt ein Kind anbietet, ein Kind schenkt, das als "Sohn Gottes" erscheint. Gott selber verbindet Himmel und
Erde in diesem Kind, das dem Himmel wie der Erde gehört.
Und nun Maria. Wenn der Himmel kommt, muss die Erde "mitspielen". Und das tut Maria! Trotz aller Fragen, aller Bedenken,
aller Einwände! Wo ist der Mann, der dieses Kind zeugt? fragt sie sich. Und warum gerade ich, ein junges Mädchen
aus Nazareth, aus diesem so unbedeutenden Provinznest? Maria gibt schließlich ihr Ja-Wort, so wie man es in der Ehe
gibt: Ich sage Ja zu Gottes Plan mit mir. "Mir geschehe nach deinem Wort!"
Die Christenheit rätselt seitdem daran herum, wie das zu verstehen ist. Jungfrauengeburt! Ein Kind ohne menschlichen
Vater! "Überschattet von der Kraft des Höchsten"! Was meint das? Ich stelle mir die Geschichte Jesu von seinem
Tod her vor Augen. Das tun auch die Evangelisten: Sie schreiben vom Ende her, vom Gesamteindruck Jesu her. Und da gibt es
nun Entsprechungen zwischen Ende und Anfang. Von der Erde her, von uns Menschen her gelesen: das Kreuz am Ende - die Krippe
am Anfang. Beides aus hartem Holz gemacht. Jesus in den Härten des menschlichen Lebens! Die hat er zuhauf mitgekriegt.
Das ganze Elend der Welt hat sich an ihn heran gedrängt: die Armen, die Kranken, die Aussätzigen. Und dann das
Härteste vom Harten: der Tod am Kreuz! So ist die irdische Lesart seines Lebens. Die "himmlische" - aus der Sicht
Gottes - geht so: Auferstehung am Ende, Jungfrauengeburt am Beginn. "Empfangen vom heiligen Geist"! Heimkehr zu Gott - und
Herkunft aus Gott! Die Evangelien verbinden beide Lesarten miteinander, legen sie sozusagen übereinander. Sie schaffen
so den Brückenschlag zwischen Himmel und Erde. Eine Geburt im Stall, Armut, Hirten in der Nähe. Alles ganz
menschlich. Aber dazu Engel und eine "große Freude": alles ganz göttlich! Das eine im anderen! Und die feste
Überzeugung aller Zeugen des Lebens Jesu, dass dieser Jesus nicht aus seinen Genen und Erbanlagen verstehbar ist (wie
wir weithin), nicht von Nazareth her, nicht von dem bescheidenen Zimmermann Joseph her. Jesus, den kann man nicht von
Vererbung und Erziehung und Umwelt her verstehen. Der sprengt das alles. Der lässt sich nur erahnen "von woanders
her", von Gott her. Das etwa ist wohl gemeint, wenn wir Jesus als den "Sohn Gottes" bekennen.
Ich möchte noch eine Geschichte anschließen (von dem Schweizer evangelischen
Pfarrer Werner Reiser), in der
Himmel und Erde ebenfalls zusammen kommen. Sie spielt im Himmel, aber sie blickt auf die Erde:
Im Himmel war man ratlos. Kein Himmlischer, kein Engel wusste mehr, wie man den Menschen beikommen könnte. Die
Menschen waren für den Himmel taub und blind geworden. Sie hatten das Gespür für den Himmel verloren. Auch
ihre Träume über den Himmel, ihre Visionen waren erloschen. Wenn Irdische träumten, dann von ganz anderen
Dingen - von Reichtum, Erfolg und schönen Frauen. Sie träumten nach außen, nicht nach innen oder gar nach
oben.
Dieser öde Zustand durfte nicht weiter gehen. Himmel und Erde drohten immer mehr auseinanderzufallen und sich
völlig fremd zu werden. Es gab keine Brücke mehr zwischen den Welten. Den Menschen tat es nicht gut, immer nur um
sich selber zu kreisen. Aber auch die Himmlischen litten darunter, immer nur unter sich zu sein. So kamen die Engel
zusammen und sprachen darüber, was da zu tun sei.
Eine Gruppe meinte, man müsse die Menschen wieder zur Räson bringen. Früher hätten Naturkatastrophen
und schwere Schicksalsschläge die Menschen am ehesten nachdenklich gestimmt. Not lehre beten. Doch dagegen wurde
allgemein Einspruch erhoben. Strafaktionen könnten doch nicht Mittel des Himmels sein. Jeder, der gegen den Himmel
misstrauisch sei, berufe sich auf solche Katastrophen und überhaupt auf das Leiden in der Welt. Da wäre es doch
sinnvoller, meinte eine andere Gruppe, in voller Ausrüstung den Irdischen gegenüberzutreten und sie mit Glanz und
Gloria zu überwältigen. Der Aufmarsch der himmlischen Heerscharen würde bleiben, den Eindruck machen! Aber
die jüngeren Engel waren solcher Machtdemonstration völlig abgeneigt. Wir werden wohl im Moment Eindruck machen,
gaben sie zu bedenken. Aber der verflüchtigt sich schnell. Später bleiben den Menschen nur unsere Heere in
Erinnerung - und sie werden nicht zögern, unseren Auftritt nachzuahmen und selber Heere und Armeen aufzustellen. Es
wird dann der Kampf aller gegen alle sein.
Bisher hatte sich eine weitere Gruppe zurückgehalten, die offensichtlich mit keinem der Vorschläge einverstanden
war. Nun denn, wir haben uns unter den Irdischen umgesehen und sind auf andere Dinge gestoßen. Wir haben seit Wochen
den irdischen Markt erforscht! Man muss wissen, was sie denken, was sie erwarten und welche Bedürfnisse sie haben.
Danach müssen wir unsere Absichten richten. Sonst bleibt es ein Angebot ohne Nachfrage. Ich erhebe Einspruch, rief ein
anderer. Wir sind vor ihnen dagewesen, sie haben uns nicht zu kritisieren. Die Bedürfnisse des Himmels sind tiefer!
Sie sind Geschöpfe. Sie haben zu dienen!
Plötzlich wurde es still. Gabriel war zu ihnen getreten. Er war bei ihm gewesen. Bei Gott. Nun stand er unter ihnen
und strahlte sie an. Dann sagte er: Ein Kind. Und als sie ihn alle sprachlos anschauten, wiederholte er: Ein Kind. Er gibt
ihnen ein Kind! Das ist seine Antwort auf die Entfremdung der Menschen.
Ein Kind, ein Kind, riefen nun alle miteinander, und es klang staunend und erschrocken, bewundernd und abwehrend: ein Kind,
wie göttlich! Ein Kind - wie gewöhnlich! Ein Kind - wie einfach! Ein Kind - wie unverständlich!
Einer von denen, die den Markt der Menschen erforscht hatten, rief: Aber sie wollen das Kind doch gar nicht! Sie wollen
überhaupt kaum noch Kinder. Kinder sind unerwünscht! Sie haben keinen Platz für sie. Man gibt Leuten mit
Kindern nur ungern eine Wohnung. Darum wird auch für dieses Kind kein Platz sein! Es ist unerwünscht! Gabriel
antwortete ruhig: Eben darum soll es ein Kind sein! Ein unerwünschtes neben unerwünschten. Es wird ihm gehen wie
vielen anderen. Der Mann seiner Mutter wird sie verlassen wollen. Der König wird ihm nach dem Leben trachten, kaum ist
es geboren. Später wird man es verfolgen, weil es als Erwachsener anders denkt und anders lebt als alle anderen. Immer
wird es unerwünscht sein, so wie Gott selber unerwünscht ist für viele. Dieses Kind teilt sein Schicksal mit
Gott und mit allen ungeliebten Menschen. Es wird zur Gemeinschaft der Unerwünschten gehören.
Da Fragen erlaubt war, nahte sich einer von denen, die den Menschen mit Schrecken begegnen wollten, und fragte: Warum soll
es einer von ihrer Sorte sein? Gabriel antwortete: Alles Menschliche, das mehr sein will als ein Mensch, wird ein
Übermensch und unmenschlich. Andere macht er zu Untermenschen. Sie haben an Übermenschen schon genug zu leiden
gehabt. Für Gott sind sie recht als Menschen! Du brauchst keine Angst zu haben: Das Kind wird von ihrer Art sein, aber
nicht von ihrer Unart! Es wird ihnen zeigen, wie menschenfreundlich Gott ist, und wie gottesfreundlich der Mensch sein kann.
Dieses Kind ist ein Geschenk, es ist Gottes Angebot an alle.
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