Vergeltet Niemandem Böses mit Bösem!
Allianzgebet 11.01.2012
"Vergeltet niemandem Böses mit Bösem. Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann. Ist´s
möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden. Lass dich nicht vom Bösen überwinden,
sondern überwinde das Böse mit Gutem." (Röm 12,17.21)
Ein Wort geht mir besonders nach: "das Böse überwinden". Was heißt das, und wie macht man das?
Ich erzähle Ihnen etwas Gutes aus Guatemala - einem Land mit schrecklichen Erfahrungen von Gewalt. Dort lernte ich
1990 Julio Quevedo kennen. Er war Sozialarbeiter bei der Caritas. Er brachte den Leuten neue, bessere Anbaumethoden in der
Landwirtschaft bei. Ein ruhiger, ein besonnener Mann. Ein "Gerechter" im Sinne der Bibel. Die Leute, indianische Bauern,
mochten ihn sehr. Einige wenige aus der Stadt Quiché, Leute, die die Unterdrückungsmethoden des damaligen
Militärs unterstützten, mochten ihn gar nicht. Sie sagten, er mache die Bauern "rebellisch". 1992 wurde er abends
auf dem Nachhauseweg vor den Augen seiner Familie erschossen. Er hatte zwei kleine Kinder; der ältere Sohn war gerade
mal sieben. In einem Interview wurde der Junge ein paar Monate später gefragt, wie er über den Tod seines Vaters
denke. Der Kleine sagte: "Ich bete jeden Abend für die Mörder. Ich bete darum, dass Gott ihnen vergibt, und dass
sie so etwas nie wieder tun."
Das, denke ich, könnte heißen: das Böse überwinden. Etwas Neues schaffen oder zulassen: z.B.:
Vergebung. Die Mutter des Jungen äußerte sich ähnlich: "Wir sind sehr traurig. Aber Hass? Nein, der Hass
muss aufhören! Die Gewalt muss aufhören!"
Genau: aufhören! Aber wie? Indem sie "überwunden" wird. Überwinden ist das Schlüsselwort. Es ist etwas
anderes als "beenden" oder "besiegen". All die Nöte un-serer Welt - Bedrängnis oder Not oder Verfolgung, Hunger
oder Kälte, Gefahr oder Schwert - überwinden wir durch Christus, sagt Paulus sinngemäß. Damit ist der
Name des großen Überwinders Jesus Christus ausgesprochen, der selbst den Tod überwunden, nicht beendet hat.
Die Herrschaft des Todes geht weiter, aber ihm "ist der Stachel gezogen": eine neue Ebene ist geschaffen, die Ebene der
Auferstehung. Eine neue Ebene, eine neue Dimension ist geschaffen, und wir sind gerufen, ihre "Bürger" zu sein, sie zu
"bewohnen"!
Der kleine Junge in Guatemala hat das schon irgendwie verstanden. Die alte, menschlich durchaus verständliche Ebene:
Wut, Hass, Feindschaft, Rache, ist verlassen. Sie bleibt zurück, denn sie führt nur in eine Spirale der Gewalt.
Und auch das Wort "besiegen": das Böse besiegen, bleibt zwiespältig. Sieg und Niederlage: das sind ja die
Machtspiele und -spielchen der "alten Welt". "Der Glaube überwindet die Welt", weiß die Bibel. Er
überwindet die Schläge und Gegenschläge der alten, gottfernen, in sich selbst verfangenen Welt. Er
eröffnet die neue Ebene, das "neue Land", das Neuland mit den Namen Auferstehung, Vergebung, Versöhnung.
Vielleicht am deutlichsten und konkretesten ist das ausprobiert, durchexerziert worden in der Methode der Gewaltlosigkeit.
Während die Christenheit damals in vereinter Anstrengung die Waffen segnete und damit ganz im Schema der "alten Welt"
blieb, hat ein Hindu uns Christen die Gewaltlosigkeit vorgelebt. Er hat uns geradezu mit der Nase auf die Bergpredigt
gestoßen: Mahatma Gandhi. Ein afroamerikanischer Pastor hat sie aufgegriffen: Martin Luther King und danach noch
mancher andere. Das "neue Land" gab ihnen eine enorme Stärke: auch die linke Wange hinhalten, wenn ihnen auf die
rechte geschlagen wird. Die Spirale der Gewalt unterbrechen. Den Gegner verblüffen und beschämen, der eigentlich
nur die Sprache der Waffen versteht. Ja, den Feind "lieben", ihn entfeinden. Versuchen, sich in ihn hinein zu versetzen
und - gelegentlich - die Welt mit seinen Augen zu sehen. Im tiefsten heißt das: auf Gott zu vertrauen, nicht auf
meine eigenen Waffen und meine eigene Stärke.
"Ich bete jeden Abend für die Mörder meines Vaters", sagte der kleine Junge. Wir können bei ihm "in die
Schule gehen". Das Lehrfach heißt: Frieden. Der Tenor des Unterrichts: Lass dich nicht vom Bösen überwinden.
Überwinde das Böse mit Gutem.
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