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JohannesJona - damals und heute

Predigt 22.01.2012

Nur zwei Seiten in meiner Bibel: die Geschichte von Jona. Es ist ein Märchen; das haben die Leute auch damals gewusst. Walfische betätigen sich nicht als Unterseeboote! Vielleicht haben die Leute auch gleich gespürt, welcher Spiegel ihnen da vorgehalten wurde. Denn das war unter ihnen, damals im alten Judentum, eine sehr umstrittene Frage: Ist Gott nur für uns da - für sein auserwähltes Volk? Oder hat er auch ein Herz für die anderen - für die Heiden, die nicht oder nicht richtig, nicht korrekt an ihn glauben? Ist er ein Gott-für-die-Welt? Das fragen sich Christen auch heute! Sollen wir "aussteigen" aus der verkommenen Welt, die alles vergiftet? Reicht nicht die "kleine Herde" derer, die in Treue glauben? Ist nicht der Rückzug angesagt vor der bösen Welt?

"Böse Welt" - das war damals z. B. Ninive. Eine Großstadt am Tigris, heute im Irak. Riesengroß war sie wohl und ebenso gefährlich. Auf Kriegsfuß mit Israel. Feinde werden gerne dämonisiert: man traute Ninive jede Schlechtigkeit zu. Da half eigentlich nur ein göttliches Strafgericht! Am besten völlige Auslöschung.

Wer ist nun Jona? Ein harmloser, selbstzufriedener jüdischer Bürger, vielleicht sogar Spießbürger, der in die Geschichte um Ninive hereingezogen wird. Er gehört offensichtlich zur "Gott-nur-für-uns"-Partei. Er wünscht die Vernichtung der bösen Welt. Aber dass er sie ankündigen soll, mitten in Ninive, findet er gar nicht so toll. Den Auftrag Gottes, den er in sich spürt ("Geh nach Ninive!"), wäre er gerne los. Wer kündigt schon gerne Unheil und Unglück an? Er will nicht, was er soll. Das kennen wir auch: Warum gerade ich? Kann das nicht ein anderer machen? Und so flieht er. Läuft davon. Denkt: Die Leute in Ninive steinigen mich. Oder bewerfen mich mit faulen Eiern ...

Ninive liegt im Osten. Jona flieht nach Westen, nach Tarschisch. Die Experten meinen: das ist Gibraltar. Westlicher geht es gar nicht. Quer durch das ganze Mittelmeer! Übers Wasser, vor dem die wasserscheuen Juden erst recht Angst hatten. Das Meer, so abgründig! Und sturmbedroht! In der Tat kommt ein Sturm auf und mit ihm die Schuldfrage. Die war damals üblich: wer ist schuld am Sturm? Natürlich der vor Gott fliehende Jona! Und so fliegt unser Hebräer als Opfer zur Beschwichtigung der Götter über Bord. Hier könnte die Geschichte enden. Aber der schon erwähnte Walfisch schwimmt gerade vorbei, der in sich ja viel Platz hat, und nimmt den Jona gastlich auf. So kann Gott auch "auf krummen Zeilen gerade schreiben"! Er lässt nicht locker. Und Jona bleibt drei Tage im Fischbauch, im Dunkeln. Vom "Zeichen des Jona" wird Jesus später sprechen: drei Tage im Tod - und dann die Auferstehung. Auf unserem Friedhof achte ich gerne auf einen Grabstein, der dies darstellt: der Grabstein ein Walfisch, und Jona - Jesus wird "ausgespuckt" aus dem Tod ins Leben, ins Helle, in die Weite. Aber Jona mag die Weite nicht.

Der Walfisch spuckt Jona aus - genau vor Ninive. Eine zweite Chance für Jona. Jetzt kann er nicht mehr anders. Er rafft sich sehr lustlos auf, geht eine Tagesreise in die große Stadt hinein und predigt: Noch vierzig Tage - und Ninive ist nicht mehr! Er hat unglaublichen Erfolg: die Stadt geht in sich, mit Fasten, mit Bußgewändern. Selbst die Tiere machen mit (wir sind ja in einem Märchen). Und Gott? Er sieht, wie die Stadt umkehrt und in sich geht, und ist gerührt. Sehr menschlich heißt es von ihm: Ihn gereute das Unheil, das er angedroht hatte, und führte es nicht aus.

Das findet nicht Jonas Zustimmung. Zornig ist er, richtig sauer. Dafür die ganze Aufregung? Klammheimlich hat er es wohl geahnt: aus dem großen Schauspiel der Vernichtung wird nichts! Gott ist zu gut! Ninive hat die Rettung nicht verdient! Unsympathisch, dieser Jona! Unverbesserlich bis zum Schluss. Ganz anders als sein Gott, der sich korrigiert. Der nicht nur sein Gott, sondern der Gott aller sein will.

So kann man durch diese Geschichte, dieses Märchen ins Nachdenken kommen:
- über den Auftrag, der vielleicht auch in unserem Leben drinsteckt
- über die Fluchten und die Ausflüchte und das Davonlaufen
- über Selbstgerechtigkeit, in der der Jona ein Meister ist - und über Vorurteile z. B. gegenüber den heutigen "Heiden")
- über krumme Zeilen, auf denen Gott auch in meinem Leben schon gerade geschrieben hat
- über die "Walfische", die uns manchmal gegen unseren Willen zum Ziel bringen
- über die Möglichkeit, dass das ganz unbeweglich Scheinende sich doch bewegt, dass Berge versetzt werden und eine böse Stadt in sich geht und sich bekehrt
- über die Möglichkeit, dass sogar ich selber "umkehren" kann (wie Jesus im Evangelium sagt)
- vor allem über Gott, der unsere Gedanken - gerade unseren engen Vorstellungen sprengt und übersteigt -, der nicht nur mein Gott, sondern unser Gott ist; der dem jüdischen Volk immer mehr aufgeht als ein barmherziger Gott, Gott für alle Menschen, auch für Ninive!

So kann man ins Nachdenken kommen auch über die Kirche, wenn sie wie Jona fühlt, wenn sie sich verschließt, wenn sie Gott sozusagen aus der Welt herauszieht und für sich "pachtet": Gott "gehört uns"! Und so kann man sich vielleicht auch bei den "Menschenfischern" einreihen, die andere zu diesem Gott bringen - Menschenfischer, die den "Kreis nicht zu klein ziehen". Die nicht nur im sicheren Hafen fischen, sondern sich aufs offene Meer hinauswagen - weil das Vertrauen in Gott sie treibt, weil sie nicht in Weltuntergangsstimmung machen, weil sie, in allem Unheil, an das Heil glauben: das Angebot des Heils - für a l l e Menschen!

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