Herzlichen Glückwunsch, Elisabeth
Predigt 18.11.2007
800 Jahre wird sie morgen alt, die hl. Elisabeth. In Deutschland, vor allem in Thüringen, wird kräftig gefeiert. Das
Elisabethjahr vereinigt katholische und evangelische Christen. Auch diese, die norma-lerweise Heilige nicht verehren,
interessieren sich für das Geburtstagskind. In der Diaspora der östlichen Bundesländer, in denen die Christen nur noch
eine Minderheit sind, wird die Frau aus dem Mittelalter sehr beachtet. Vorbilder sind rar geworden. Filmschauspielerinnen,
Tennisstars und Fernsehköche reichen allein nicht aus. In denen findet eine Gesellschaft kaum ihre Mitte und ihre Seele
und ihren Halt. Elisabeth in ihrer radikalen Nächstenliebe ist da von anderem Kaliber.
Der heutige Diasporasonntag hat das Motto "Tragt in die Welt nun ein Licht!". Elisabeth hat ein Riesenlicht in die Welt
hinein gebracht, und es brennt immer noch. Sie hat uns vorgelebt, dass Gott zur Welt gekommen ist und immer weiter kommt,
zu den Armen vor allem, in denen sie Christus erkannte. Christus fand sie nicht nur in der Kirche, nicht nur in den
Sakramenten, sondern in den Aussätzigen, in den Kranken.
Was war das für ein Mensch? Alles andere als ein Mauerblümchen. Fröhlich und heiter kam sie den Menschen vor, eine
begeisterte Reiterin, eine leidenschaftliche und zärtliche Ehefrau und Mutter. Eine außerordentliche Frau, die wusste,
was sie wollte, und die konsequent ihren Weg ging. Dieser Weg war dann irgendwann nicht mehr der Weg des Aufstiegs, der
Karriere und des guten Lebens. Nicht mehr die Zugehörigkeit zum Hochadel war ihr dann wichtig, nicht mehr die Stellung
als Landesfürstin von Thüringen mit Sitz auf der Wartburg. Sie ging den Weg des Abstiegs von der Wartburg hinab zu den
Armen, Kranken und Hungernden, die damals einen großen Teil der Bevölkerung ausmachten. Sie pflegte nicht sich, sie
pflegte die anderen.
Am Fürstenhof wagte sie zu protestieren gegen das damals übliche Unrecht, arme Bauern noch mehr auszupressen. Nach dem
frühen Tod ihres Mannes, der immer zu ihr stand, empfand die höfische Gesellschaft auf der Burg ihr Verhalten als verrückt,
als skandalös. Immer, wenn einer das Evangelium ernst nimmt und damit lebt, kommt dieser Ruf: verrückt! Nicht mehr richtig
im Kopf! Auch bei Elisabeth war das so. Sie verließ den Hof und das Hofleben. Da war sie ganze zwanzig Jahre alt - schon
Witwe und im Ruf, Mutter der Armen zu sein. Ihr Onkel, der mächtige und machtbewusste Bischof von Bamberg, wollte sie noch
mit dem ebenfalls verwitweten Kaiser verheiraten. Doch sie entschied sich für den anderen Weg. Ähnlich, wie einige Jahre
vor ihr Franz von Assisi wählte sie die radikale Armut, zog in ein kleines Krankenhaus in Marburg und pflegte dort die
Ärmsten der Armen. Wie eine langsam herab brennende Kerze verzehrte sie sich, bis sie nach vier Jahren - nur 24 Jahre alt
- völlig entkräftet starb.
Doch sie ist nicht tot. Sie lebt und wirkt bis heute weiter, schon 800 Jahre lang. Schon vier Jahre nach ihrem Tod wurde
sie vom Papst heilig gesprochen. Er tat damals nichts anderes als die Leute taten, die sie sofort als Heilige empfunden
hatten. Noch heute steht sie in hohem Ansehen. Sie wird verehrt als Mutter der Armen und als Patronin der Caritas. Unzählige
Frauen tragen ihren Namen, unzählige soziale Einrichtungen sind nach ihr benannt, so wie das einzige katholische Altenheim
in dieser Stadt. Auch wenn Pflege heute ganz anders aussieht als im Mittelalter - auch wenn durch die Strukturen von heute
und das Diktat der Kranken- und Pflegekassen das Zeithaben und die menschliche Zuwendung ziemlich erschwert werden - die hl.
Elisabeth in ihrer selbstlosen Hingabe gehört immer noch zu den Leitbildern der Caritas.
Aber machen wir es uns nicht zu leicht. Heilige sind fast immer anders als wir sie uns vorstellen. Heilige liegen quer.
Heilige sind immer eine Provokation. Die Elisabeth der Krankenpflege und des Rosenwunders ist nicht die ganze Elisabeth.
Es gibt auch die andere Elisabeth: die große Beterin, die Frau mit tiefen mystischen Erfahrungen, die uns normalerweise fremd
und unbekannt sind. Wir Fran-ziskus wollte sie dem armen Jesus nachfolgen, wie er arm werden mit anderen und für andere. Man
muss sich die Zeit von damals vorstellen: die Kirche war eine Großmacht, die Bischöfe standen den Fürsten nicht nach,
großer Reichtum sammelte sich in den Klöstern und Kathedralen. Was für ein Gegensatz dazu Franziskus und Elisabeth:
barfuß, selber freiwillig arm geworden, und dadurch dem Riesenheer der Armen nah. In den Armen wollten sie Christus dienen, treu seinem
Wort: Was ihr dem Geringsten getan habt, das habt ihr mir getan …
Wir dürfen diese sperrigen Züge nicht verschweigen. Gerade weil sie uns fremd sind, tun sie uns gut. Gerade das, was die Leute
verrückt nennen, ist bedenkenswert, ist gegen den Strich gebürstet. "Sie ist eine Närrin", rief der Schwager, bevor sie
fluchtartig die Wartburg verließ. Sie passte nicht in die dortige Welt, und sie passt auch nicht in das normale Schema unserer Welt.
Selbstlosigkeit? Eine Dummheit. Wie kann man nur so blöd sein - ist heute die Mehrheitsmeinung. Aber Wahrheit wird niemals von der
Mehrheit entschieden. Ein echtes, glaubwürdiges, christliches Leben unterscheidet sich wahrscheinlich vom Lebensstil der Allermeisten.
Elisabeth lebte das Neue und immer wieder Überraschende des Evangeliums. Sie lebte ein Christentum, das nicht angepasst war, das
sozial nicht "verbürgerlicht" war. Das irritierte und provozierte und verunsicherte manche. Aber viele waren fasziniert und
spürten die Überraschung, die Neuentdeckung von etwas ganz Altem, das aber trotz aller Gottesdienste in Vergessenheit geraten war:
nämlich das Evangelium.
Doch Elisabeth drehte den Spieß um. Sie zeigt uns, dass umgekehrt ein Leben "närrisch" sein könnte, das nur um sich selber
kreist, dem es nur um den eigenen Vorteil, um Spaß und Geld und Macht geht. Elisabeth lebte die Alternative vor - eine andere und bessere
Möglichkeit, dem Leben einen Sinn zu geben. Liebe, die nicht rechnet, Großzügigkeit des Herzens, eine innere Freiheit und Freude
wird bei ihr sichtbar. Sie sagt uns, dass Deutschland und Europa diese andere Ordnung der Werte nicht vergessen dürfen.
Allein die Liebe bleibt, sagt der heilige Paulus. Diese Liebe können wir nicht "machen", Sie ist Gabe und Geschenk von oben.
Elisabeth war ein außergewöhnliches Bild der Gnade, auf die wir alle ange-wiesen sind. Sie zeigt uns, wovon und wofür es sich zu
leben lohnt. Ein solche Leben darf gefeiert werden.
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