Wir freuen uns, bekannt geben zu
dürfen, dass Eddie jetzt seinen Platz gewechselt hat
Predigt Ostern 2007
In Berlin fand sich dieser Tage eine Todesanzeige für Eddie, einen Obdachlosen aus Berlin-Kreuzberg,
und die ging so:
" Eddie ist tot. Jeden Tag kam er von seinem Wohnheim zur Suppenküche Liebfrauen in
Kreuzberg. Und hatte dort seinen festen Stammplatz am Spültisch. Täglich wusch er rund 400 Plastikbecher,
Teller und Geschirr, kehrte den Hof und war immer fröhlich. Alle Obdachlosen, die nach Kreuzberg kamen,
hatten Eddie zum Freund. Wir freuen uns, bekannt geben zu dürfen, dass Eddie jetzt seinen Platz gewechselt
hat. Er sitzt beim himmlischen Festmahl Gottes jetzt ganz oben an der Tafel. Und nun sind andere dran,
ihn zu bedienen."
Soweit diese Todesanzeige, in der eine kirchliche Suppenküche einen Obdachlosen würdigt. Und darin findet
sich dieser wunderbare Auferstehungssatz: " Wir freuen uns, bekannt geben zu dürfen, dass Eddie jetzt seinen
Platz gewechselt hat …"
Wirklich ein Auferstehungssatz? Ja, denn es heißt nicht: Er hat seinen Platz verloren, beendet, aufgegeben.
Er hat ihn gewechselt. In den letzten beiden Wochen haben wir hier in St. Joseph fünf markante Mitglieder
unserer Gemeinde zu Grabe getragen, und das hängt mir wirklich in den Knochen. Ich finde den Satz schön und
tröstlich: Sie haben ihren Platz gewechselt. Sie sind jetzt nicht mehr in der Spülküche oder am Schreibtisch
oder im Altenheim - sie sitzen beim himmlischen Festmahl Gottes mit an der Tafel, vielleicht ganz oben, vielleicht
im Mittelfeld, wer weiß das schon. Hauptsache: Sie sind dabei, beim Fest mit Gott im Himmel. Hauptsache: Das
bleibt unsere Hoffnung.
Es gibt mir immer einen Stich ins Herz, wenn ich lese, dass immer weniger Deutsche diese christliche Hoffnung
teilen, diese weite Aussicht auf ein Festmahl mit Gott im Himmel, und das Eingangstor dazu, die Auferstehung. Es
kommt mir so vor, als würde man sich des eigenen Erbes schämen, es für überholt und vorgestrig halten, so wie
manchmal junge Leute ihre Eltern und ihre Familie nur noch "peinlich" finden und erst später wieder zu einer
gerechteren und besonneneren Sicht der Dinge kommen. Seelen-wanderung aus dem Osten , Reinkarnation gilt dagegen
als "chic" und modern, als der "Renner". Der Dalai Lama ist ja schließlich auch dafür… Gut, dass diese Dinge, diese
Ansprüche auf Wahrheit nicht von der Mode entschieden werden. Aber offensichtlich haben wir Christen ein Problem
damit, von Auferstehung heute so zu reden, dass Menschen es wirklich verstehen und annehmen können.
Lässt sich Auferstehung, lässt sich Ostern überhaupt verstehen? Nicht so wie eine Zeitungsmeldung oder wie eine
Rechenaufgabe. Nicht so wie etwas, über das man Bescheid weiß und über das man dann auch verfügen kann. Es gibt
keine Fotos und andere Beweisstücke. Auch die Evangelien schweigen sich über den Vorgang selber aus. Umso mehr reden
sie von den Wirkungen. Man muss sich das einmal vorstellen: Da ist ein Toter, der auf die schändlichste Art
umgekommen ist - so wie man Verbrecher hinrichtet: am Kreuz. Dieser Mann hat es gut gemeint und gute Dinge gesagt,
aber eigentlich nichts richtig zustande gebracht. Er ist auf der ganzen Linie gescheitert. So sieht es aus, auf den
ersten Blick. Aber dann machen sich seine hergelaufenen Freunde, irgendwann nach dem Schock dieses fürchterlichen
Kreuzestodes und nach der Phase der Angst und des Sich-Verkriechens, auf die Beine, und es treibt und drängt sie bis
nach Spanien (der Paulus) und sogar bis nach Indien ( der Thomas) mit einer Botschaft, die eigentlich nur aus zwei
Worten besteht: Jesus lebt! Zwei Worte und ganz viele Ausrufezeichen, die die Hörer damals deutlich mitbekamen. Sie
bekamen mit die Überzeugungskraft, die "power", den Geist, den Heiligen Geist, der aus dieser Botschaft geradezu
heraussprang. Zudem haben sich die Boten die Botschaft einiges kosten lassen, nämlich den eigenen Kopf, fast alle
haben mit dem eigenen Leben bezahlt, sind als Märtyrer eingestanden für das, was sie umtrieb. Das waren keine harmlosen
billigen wohlfeilen Worte " Jesus lebt!!!", das war keine Schönfärberei und kein Opium fürs Volk, um die Leute über
ihr Elend wegzutrösten. Da kam viel mehr eine Erfahrung rüber, die die Apostel schier "umgehauen" hat: Dieser
schändlich gestorbene Jesus ist nicht im Tod geblieben, Gott hat ihn auferweckt von den Toten, als Ersten der ganzen
Schöpfung. Nicht der Tod hat das letzte Wort. Gott hat das letzte Wort und lässt es sich nicht nehmen. Mit dem
Auferstandenen beginnt eine "neue Atmosphäre", ein neues Leben.
Diese Oster-Erfahrung der Apostel ist und bleibt ein Geheimnis, ein Mysterium des Glaubens. Das ist der wunderbare
Kern des Glaubens, wo es nichts zu beweisen gibt. Es ist das Gestreift werden von einer anderen Wirklichkeit, für die
uns eigentlich die Worte und die Begriffe fehlen. Man kann hier nur staunen und loben und preisen. Das tun wir in
unserer Ostermesse, in dem wir immer wieder Halleluja singen: Halleluja, Jesus lebt!
Um diesen Kern legt sich dann aber die Schale, über die man sehr wohl reden und die man sehr wohl verstehen kann. Ich
habe gerade schon darüber gesprochen, über den unglaublichen Einsatz der Apostel. Es muss doch etwas dran sein - oder
besser: Alles dran sein - an diesem Kern, wenn er wie ein Sprengstoff wirkt, wenn die Ostererfahrung verstörte Jünger
in die Welt hinaustreibt und nach wenigen Jahrhunderten ein Großteil der Menschen sich zum Gekreuzigten und
Auferstandenen bekennt. Die Jünger sind doch nicht einem Phantom, einem Gespenst gefolgt, sondern einem, der wirklich
auferstanden ist.
Warum sind viele Menschen zum Glauben an den Auferstandenen gekommen, damals und auch heute? Weil sie etwas vom neuen
Leben mitbekamen. Neues Leben, eine neue Lebenspraxis: Dazu gehörte die Liebe zu den Armen und Kranken, die sich nicht
mehr verstecken mussten. Dazu gehörte, dass Sklaven wie Brüder und Schwestern behandelt wurden, selbst wenn sie
gesellschaftlich Sklaven blieben. Dazu gehörten die ungeahnten Möglichkeiten, die im Gemeindeleben steckten, in einem
geschwisterlichen Miteinander. Dazu gehörte die Hoffnungskraft, die den Tod nicht mehr fürchtete, ja oft genug das
eigene Leben hingab -nach dem Beispiel Jesu. Dazu gehört es auch, dass heutzutage eine Todesanzeige erscheint, in der
der genannte Kreuzberger Obdachlose Eddie sozusagen in den Himmel erhoben wird. Über Obdachlose rümpft man häufig
genug die Nase, und die Gesellschaft will von ihnen nichts wissen. Hier aber wird gesagt:" Er sitzt beim himmlischen
Festmahl Gottes jetzt ganz oben an der Tafel" -ganz nah bei Jesus, der Menschen wie diesen Eddie ganz besonders in sein
Herz geschlossen hat. Und das geht, weil wir nur unsere Plätze wechseln, wenn wir tot sind. Und da, beim himmlischen
Festmahl in der Ewigkeit, werden die Plätze wohl gerechter und barmherziger verteilt als hier. Ostern könnte also
heißen: "Wir freuen uns, bekannt geben zu dürfen", dass Jesus Christus seinen Platz gewechselt hat - nicht mehr das
Kreuz ist sein Platz, sondern die innerste und innigste Nähe zu Gott und zu uns Menschen. Innigste Nähe: das ist meine
Vorstellung von Ewigkeit. Die wartet auch auf uns. Gute Aussichten! Wir sind Menschen "guter Hoffnung"! Darum:
Frohe, fröhliche, gesegnete Ostern!
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