Medardus
Eine Gemeinde der
Pfarrei St. Medardus

Ansicht
Katholische Kirchengemeinde St. Joseph und Medardus - Jockuschstraße 12 - 58511 Lüdenscheid - Tel. 02351 / 66400-0

WiedersehenWir haben Hunger, wir brauchen Brot

Predigt Fronleichnam 2006


Wir haben Hunger, wir brauchen Brot." Die Armen strömen auf das Königsschloss von Versailles zu. Wie reagiert die Königin Marie-Antoinette? "Sie haben kein Brot? Dann sollen sie doch Kuchen essen!"
Marie-Antoinette war eine "gute Christin", fing den Morgen mit der Messe an, empfing die heilige Kommunion - immer wieder. Aber: dem notleidenden Volk gab sie kein Brot. Das eucharistische Brot und das Brot für die Armen - da lagen Welten zwischen. Weil sie den Armen das Brot verweigerte, wurde sie hingerichtet.

Liebe Schwestern und Brüder, uns bewegt mehr eine andere Hinrichtung, die auch noch viel länger her ist: die Kreuzigung von Jesus. Er wurde getötet, nicht, weil er den Armen das Brot vorenthielt, sondern weil er mit dem Anspruch daher kam, selber das Brot zu sein:
- das Brot für die Welt
- das Brot des Lebens
- das Brot vom Himmel.
Er hat sich da sehr vielschichtig ausgedrückt. Aber, wer Ohren hatte, zu hören und Augen, zu sehen und ein Herz, zu begreifen, der spürte: Dieser Jesus behauptet nicht nur etwas ("Ich bin das Brot des Lebens"), sondern er stand dafür ein - er lebte es auch!
Er war ein Wegweiser, der den Weg selber ging. Da war kein Graben zwischen Glauben und Leben: da war alles wie aus einem Guss. Und: da war ein roter Faden in diesem Leben.

Einer kam
und zerbrach liebgewordene Gewohnheiten:
"Wer unter euch groß sein will, der diene ..."

Einer kam
und widersprach den üblichen Ansichten:
"Liebt eure Feinde!"

Einer kam
und verlangte kompromissloses, klares Handeln:
"Hast du zwei Mäntel? Dann gib einen dem, der keinen hat ..."

Einer kam
und verschenkte sich,
damit wir leben.


Am wichtigsten ist mir das Wort, dass sich einer verschenken kann. Nun, wir machen manchmal Geschenke - vielleicht auch große - aber: "sich selbst verschenken"? Sich selbst hingeben? Wie er es beim letzten Abendmahl gesagt hat, und wie wir es in jeder Messfeier an zentraler Stelle wiederholen? Sich selbst hingeben - was für en Wort! Sich selber aus der Hand geben, in die Hand des Vaters hinein. Nicht planen und machen, sondern geschehen lassen - wo bleibt da die Selbstverwirklichung? Sich ganz loslassen; ganz bewusst sagen: "Dein Wille geschehe - nicht meiner!" Und das alles aus Liebe zu den Menschen, die ja oft genug alles andere als liebenswert sind.
"Die können mich mal kreuzweise ...", sagen wir dann mit verärgertem Unterton. Aber Jesus meint das wörtlich: ja, kreuzweise, in der Weise des Kreuzes, können mich die Menschen ... beanspruchen; ich stelle mich ganz zur Verfügung, ohne Vorbehalte, ohne etwas für mich zu reservieren. Ganz ...

Steht nicht genau dafür das Zeichen Brot? Für ein Leben, das verschwenderisch austeilt: Güte und Vergebung und Trost und Ermutigung. Das alles ist so notwendig wie das tägliche Brot.
Ich habe da einen provozierenden Satz gelesen:
Früher waren die Christen zu erkennen an Brot und Wein - heute mehr an Kaffee und Kuchen.
Ein ziemlich böser Satz, mit dem wir wieder bei der Königin Marie-Antoinette sind: "Dann sollen sie doch Kuchen essen!" Kuchen? Der ist nicht gerade lebensnotwendig! Ein Stück oder zwei, das reicht dann auch. Vom Kuchen wird man schnell satt (und leider auch dick). Kuchen - das ist ein Luxus, eine Zutat - nichts Notwendiges.
Wir müssen aufpassen und da sehr wachsam sein: Der christliche Glaube reicht Brot und nicht Kuchen! Glaube ist keine Zutat (also eigentlich entbehrlich, es geht auch ohne). Glaube ist kein Dekorationsstück, christlicher Glaube ist kein Sahnehäubchen:
"Das haben Sie aber richtig schön gemacht, Herr Pastor, die Hochzeit und die Erstkommunion ... so richtig schön feierlich ... Mir sind sogar ein paar Tränchen gekommen!"
Auch die Fronleichnamsprozession - ein Sahnehäubchen? Feierliche Folklore? Christentum als schöne Zutat, als Kuchen oder Bonbon, als sanftes Ruhekissen, als Heimatverein, wie unser Bischof Felix Genn immer wieder anfragt?
Nein, das kann es nicht sein! Oder, das kann jedenfalls nicht alles sein!
Der Schriftsteller Georges Bernanos aus Frankreich, ein leidenschaftlicher Christ, hat schon vor 80 Jahren geschrieben:
Wir Christen sind nicht dazu da, der Honig der Welt oder eben der Kuchen für die Welt zu sein. Wir sind nicht dazu da, die manchmal bittere Pille "Welt" zu versüßen.
Nicht Honig / Kuchen / Sirup / Opium - sondern: Wir sind gedacht als Salz der Erde ... Salz, das Würze gibt, Salz, das den rechten Geschmack gibt - Ihr seid das Salz der Erde!

Und dann: Brot für die Welt ...
Gleich tragen wir unser "Allerheiligstes" in der Monstranz durch die Straßen - am Rathaus vorbei, über Plätze und durch Straßen, die sonst sehr belebt sind und heute eher die Ruhe eines Feiertages atmen. Wir tragen - symbolisch - Jesus in die Stadt. Jesus, der zum Brot des Lebens wurde, der sich selbst verschenkte und austeilte - so wie man Brot bricht und austeilt.
Ich hoffe: wir tragen Jesus auch real, ganz wirklich in die Stadt. 80 000 Menschen, 100 Nationen und alle Nöte und Sorgen, die man sich denken kann. Dazwischen immer wieder gelebtes Christentum, zumindest eine Prise "Salz der Erde". dass einer des anderen Last mitträgt. Dass einer dem anderen Bruder, Schwester ist - in praktischer Hilfe und menschlicher Aufmerksamkeit.
Wir dürfen keine Angst haben, unseren Glauben mit in die Stadt zu nehmen. Jesus ist wirklich Brot für die Welt, nicht bloß Brot für zuhause, fürs Private, fürs stille Kämmerlein - und nicht bloß Brot für die Kirche. Und wenn viele Menschen nicht mehr zu den Kirchen kommen (aus vielen Gründen), werden wir, müssen wir Jesus und die "Atmosphäre des Evangeliums" in die Stadt bringen, zu den Menschen bringen. Heute, am Fronleichnamstag symbolisch, liturgisch, feierlich. Ansonsten - an den übrigen 364 Tagen des Jahres - real.

Wir sind kurz davor, die neue Stadtpfarrei St. Medardus zu gründen. Noch im Herbst wird sie dasein. Wir sind dann alle Christen einer Pfarrei. Neue Vereinigungen formulieren gern ein Leitbild. Ich denke, wir haben schon eins: Jesus Christus, Brot für die Welt. Dieses Leitbild ist klar und eindeutig. Es weist uns auf Jesus hin, die große Kraftquelle, die geistige Nahrung und es weist uns in die Welt, die nach solcher Nahrung hungert - mehr oder weniger bewußt. Hoffentlich werden wir eine missionarische Pfarrei sein, die nicht selbstgenügsam um sich selber kreist und mit sich selbst beschäftigt ist. Eine Pfarrei St. Medardus, die den Hunger der Menschen kennt und teilt und gibt, was sie nur geben kann: ihre Erfahrung mit dem Glauben, ihre Liebe zum Brot für die Welt!


Text downloaden