Der gute Hirte und die Hirten von heute
Das Geistliche Wort
Sonntag, 7. Mai 2006, 8.05 - 8.20 Uhr WDR 5
In meiner Küche hängt eine Wurzel mit einer typischen Krümmung eines Hirtenstabes. Eine Erzieherin unseres
Kindergartens hat sie bei einem Spaziergang im Wald gefunden und mir zu Weihnachten geschenkt. Das wäre doch
das Richtige für einen Pastor, für einen Seelenhirten, hat sie dabei gesagt.
Pastor. Ich hab’s gerne, wenn einen die Leute so anreden: Herr Pastor. Das hat nichts mit Freude an Titeln
oder mit klerikalem Gehabe zu tun. Das Wort bedeutet für mich eher eine Aufforderung und die Erinnerung: Lebe
das, was wir Dir da zusprechen. Sei ein guter Hirte, und hoffentlich ein guter ...
Das geht über den Kreis meiner Zunftgenossen weit hinaus. Nicht nur die offiziellen Pastöre aus beiden Kirchen
und beiderlei Geschlechts sind als "Hirten und Hirtinnen" gedacht. Die erwähnte Erzieherin, die den Hirtenstab
gefunden hat, hätte ihr Fundstück auch in die eigene Küche hängen können. Ganz offensichtlich hat sie hohe
Hirtenqualitäten. Sie hilft den Kindern in ihrer Einrichtung, zu sich selbst zu kommen, und sie hilft ihnen auch,
zu Jesus zu kommen. Sie schützt und zeigt Wege, sie weiß um die Wasserstellen, um die Oasen des Lebens genauso
wie um die Wölfe unterwegs und um alle Gefahren, die das Lebens der Kinder und der Familie bedrohen. Wenn wir das
Hirtenbild also nicht für die Pfarrer reservieren und unseren Blick weiten auf das ganze Volk Gottes, werden wir
viele sozusagen "inoffizielle", aber begabte Hirten und Hirtinnen entdecken. Vielleicht werden wir dann weniger
jammern über die wenigen und dazu überlasteten Pastöre, und uns mehr freuen über jede Neuentdeckung - zu der Sie
möglicherweise auch gehören.
Schauen wir in die Bibel. Da wird nicht unterschieden zwischen offiziellen und inoffiziellen Hirten, sondern
zwischen guten und schlechten. Gerade die Propheten haben schlechte Hirten vor Augen - nämlich die Könige und
Adeligen des Volkes Israel. Der Prophet Ezechiel geht mit ihnen sehr deutlich ins Gericht: Sie weiden nur sich selber,
sorgen nur für sich selber, aber um ihre Herde, um das Volk kümmern sie sich nicht! "Die schwachen Tiere füttert ihr
nicht, die kranken pflegt ihr nicht gesund; wenn sich ein Tier ein Bein bricht, verbindet ihr es nicht ... Wenn ein
Schaf verloren gegangen ist, macht ihr euch nicht auf die Suche." (Ez 34,4)
Die schlechten Hirten interessieren sich nur für die Wolle, für die Milch und das Fleisch, also für den Nutzwert ihrer
Herde. Die Schafe sind ihnen gleichgültig, egal. Schlechte Hirten sehen nur sich und ihren Vorteil. Soziale
Verantwortung ist ein Fremdwort für sie.
Man spürt den Zorn bei Ezechiel über solche faulen und korrupten Hirten, und man spürt den Zorn Gottes über die Könige
und Mächtigen, die ihr Volk und den Bund mit Gott verraten haben.
Gott selber entwickelt nun eine Alternative. Er entwirft ein neues Leit-Bild. Er selber ist der gute Hirt. "So spricht
Gott, der Herr: Von nun an will ich mich selbst um meine Schafe kümmern und für sie sorgen." (Ez 34,11) Gott - der gute
Hirte - verspricht, die in alle Himmelsrichtungen verstreuten Schafe zu sammeln und zusammenzuführen. Nach dem
babylonischen Exil sollen sie wieder in Israel gute Weideplätze finden und in einer gerechten Ordnung zusammenleben.
Gerade die Schwachen der Gesellschaft sollen geschützt werden: "Zu den starken Böcken sage ich: Ist es euch noch nicht
genug, dass ihr die guten Weideplätze abgrast und als erste das klare Wasser trinkt? Müsst ihr auch noch den Rest der
Wiese zertrampeln und im Wasser mit euren Hufen den Schlamm aufwühlen? Sollen die Schafe etwa das Gras fressen, das ihr
zertrampelt habt? Sollen sie von dem verschmutzten Wasser trinken?" wird der Prophet Ezechiel konkret. (Ez 34, 18f) Der
Hirte mahnt an eine wirkliche Gerechtigkeit zwischen Starken und Schwachen; drastischer und eindringlicher lässt sich
auch die aktuelle Gerechtigkeitsproblematik zwischen reichen und armen Ländern, zwischen Starken und Schwachen in einer
Gesellschaft kaum ausdrücken.
Man merkt schon: Das Hirtenbild in der Bibel hat nichts zu tun mit einer romantischen, harmlosen Schäferidylle. Der
sanfte Jesus mit dem Lämmchen über der Schulter gehört vielleicht zu unseren Kindheitsbildern, aber sicher nicht zum
Evangelium. Im Johannesevangelium ist es wie bei Ezechiel. Dem guten Hirten wird nichts geschenkt. Vielmehr wird er alles
geben: "Ich bin der gute Hirte. Der gute Hirte gibt sein Leben für die Schafe." (Joh 10, 11) Er flieht nicht vor dem Wolf,
der die Herde auseinander jagen kann. Die Welt des Hirten ist keine Idylle, sondern voller Gefahren. Sie ist bedroht von
Viehdieben und wilden Tieren. Der Hirt hat es nicht besser als die Herde. Er ist derselben Hitze und Kälte und denselben
Entbehrungen ausgesetzt. Die Stadtmenschen begegnen ihm geringschätzig und rümpfen die Nase. Es gibt fürwahr ein
angenehmeres und bequemeres Leben als das Dasein als Hirte! Aber der gute Hirte hält stand, bleibt bei der Herde, lässt
sie nicht im Stich.
"Der gute Hirte gibt sein Leben für die Schafe."
Im Pfarrhaus des Touristenortes Santiago Atitlan in Guatemala wird dieses Wort sehr lebendig. Dort war der aus den USA
stammende Missionar Stanley Rother 1981 ermordet worden. Die Einschussstellen der tötlichen Kugeln sind noch in der Wand des
Arbeitszimmers zu sehen. Rother hatte intensiv mit der indianischen Bevölkerung gelebt und gearbeitet. Ein neues
Selbstbewusstsein war in der "Herde" entstanden. Den "starken Böcken", vor allem dem Militär in der nahen Garnison, missfiel
diese befreiende Pastoral sehr. Es gab Warnungen und Todesdrohungen. Freunde rieten ihm, das von Gewalt erschütterte Land zu
verlassen und sich in Sicherheit zu bringen. Rother erwiderte: "Ich kann nicht gehen. Ich muss bei meinen Leuten bleiben."
Einen Monat später war er tot.
Die Märtyrer, der Blutzeuge unter den Hirten, erinnern am radikalsten an den Guten Hirten Jesus Christus. Der blieb nicht
auf halbem Wege stehen, sondern ging den Weg zu Ende - den Weg bedingungsloser Liebe und Zuwendung. "Ich kenn die Meinen,"
sagt Jesus, "wie mich mein Vater kennt, und die Meinen kennen mich, wie ich den Vater kenne." (Joh 10, 14f) Die Hirtensorge
Jesu wächst aus seiner Verbundenheit mit dem Vater. Diese Verbundenheit bleibt auch für heutige Hirten die große Kraftquelle.
Dennoch können sich auch die heutigen Hirten verrennen, oft noch vor der Herde, sie können sich auch im Dornengestrüpp
verfangen, hängen bleiben und verletzen. Im Gestrüpp etwa der Frustration, Erfolglosigkeit und Selbstzweifel. In den
Dornenhecken leerlaufender Routine, Austrocknung und innerer Kargheit. In der Versuchung, die Herde an sich selber und nicht
an Gott zu binden. In einer Selbstisolation, in der sich der Hirte von den Menschen wie von Gott entfernt. Das Dornengestrüpp
ist für die Herde, aber mehr noch für den Hirten eine ständige Gefahr. Zerkratzt und verwundet kann er da wieder herauskommen.
Er muss kein Held und kein Heiliger sein. Die Schrammen verbinden ihn mit den anderen, machen ihn menschlich. Vielleicht hat
der verwundete Hirte aber gespürt, dass der große Gute Hirte Jesus Christus sich zu ihm durchgearbeitet und durchgekämpft hat
und ihn in den Dornen nicht hängen lässt.
Jesus kennt die Seinen, und die Seinen kennen ihn. So sagt er es im Evangelium. Der heutige Hirte spürt beim Stichwort "kennen"
seine Grenzen und Unzulänglichkeiten. Er weiß, dass er die Neunundneunzig stehen lassen muss, um dem einen nachzugehen, das
sich verlaufen hat oder im Dornengestrüpp hängt. Er weiß auch, dass das biblische Zahlenverhältnis 99 : 1 in modernen
Zeiten nicht mehr stimmt, sondern sich eher umgekehrt hat. Da stehen Individualität und die Suche nach eigenen Wegen an erster Stelle,
abseits von den Herdenwegen. Mit unendliche unterschiedlichen Einzelwegen ist der Hirte heute konfrontiert, und nur ganz
begrenzt kann er mitgehen oder Wege zeigen: hier und da. Dazu kommt, dass er für die 99 von der Nachbarherde bald auch zuständig
sein wird - oder schon länger ist. Der vertrauliche Stallgeruch und die gewohnte Nähe - etwa in einer Dorfgemeinschaft - lösen
sich auf. Die Herde formiert sich neu. Das Gute daran ist, dass so mancher aus der Herde seine Fähigkeiten entdeckt und einsetzt
und auf seine Weise am Hirtendienst teilnimmt: indem er - oder häufiger noch sie - tröstet und berät, lehrt und schützt, auf
jeden Fall ein verlässlicher Begleiter oder eine gute Mitgeherin ist. Wovon die Menschen leben, das brauchen sie von vielen, von viel
mehr, als sie es bekommen ...
Der Hirte sagt: "Ich bin für dich da, was auch geschehen mag." Er hält sein Versprechen. Er bemüht sich zumindest darum. Und
manchmal merkt er: die Leute scheinen von den Hirten der Herde Jesu nichts zu erwarten. Erkennbar wollen sie nichts. Manchmal merkt
er: Das scheint nur so. Hinter den Fassaden traut sich die Sehnsucht kaum hervor. Die Sehnsucht nach Zuneigung, die keinen
ausschließt. Manchmal spürt der Hirte seine Ohnmacht - etwa, wenn er am Bett eines Schwerkranken sitzt und dessen Hand hält,
ohne große Worte. Hilflos kommt er sich dann vor - und doch geschieht in diesem Augenblick das, worauf es ankommt. Von dem großen
Philosophen Immanuel Kant ist das Wort überliefert: "Ich habe Tausende Bücher in meinem Leben gelesen. In all den Büchern hat
kein Satz mich so berührt wie das Psalmwort: ‘Und ob ich wanderte im finstern Tal, ich fürchte mich nicht, denn du bist bei mir.’" Ich
glaube, dass die Hirten und Hirtinnen von heute dieses Berührtsein teilen - und bei anderen wecken und stärken können.
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