Fest der heiligen Familie
Predigt 30.12.2007
Zwei Millionen Frauen oder Männer ziehen in unserem Land ihre Kinder alleine groß. Drei Millionen Menschen leben in
nichtehelichen Lebensgemeinschaften zusammen, hunderttausende Ehen und Familien brechen jährlich auseinander, Kinder
zu bekommen ist ein Armutsrisiko geworden. Das sind Fakten, an denen man am Sonntag der Hl. Familie nicht vorbeikommt.
Die Familie hat im Leben der Kirche einen besonders hohen Stellenwert. Das Ideal einer "heilen Familie" ist lange sehr
hoch gehalten worden. Die Kirche stemmt sich gerade in Familienfragen gegen viele neue Entwicklungen, tut sich mit ihnen
schwer. Hängt sie da einem Traum nach, der sich längst als Utopie erwiesen hat?
Was denken da die Partner, die miteinander im Clinch liegen, die Eltern, die nicht mehr wissen, wie sie mit ihren
heranwachsenden Kindern umgehen sollen, oder die Altgewordenen, die an den Rand geraten sind und die Welt nicht mehr
verstehen?
Gottseidank gibt es auch die andere Seite, immer noch. Die Freude der Großeltern über ihren ersten Enkel, das Leuchten
in den Augen, wenn sie von ihm erzählen.
Oder: Da war eine junge unheilbar erkrankte Frau. Fast jeden Tag war ihre Schwes-ter bei ihr. Sie sprachen über alles,
und sie kamen sich so nah wie nie im Leben zuvor. Es waren glückliche Stunden mitten in der Qual, eine Freude mitten im
Leid.
Oder: Der Vater, der seine drei Kinder nach der schmerzlichen Trennung von seiner Frau alleine großzog, ein Leben mit
großen Einschränkungen, oft genug ein Stress, der nicht mehr viel übrig ließ an Kraft und Energie. Aber man konnte
spüren, wie stolz er auf seine Kinder war - und ein wenig auch auf sich…
Nein, sie ist wahrhaftig nicht rosig, die Lage vieler Familien, und doch leuchtet immer wieder etwas auf in ihnen, das
zum Kostbarsten gehört in unserer Welt:
Menschen unterschiedlichen Geschlechts und Alters, unterschiedlicher Herkunft und Wesensart, manchmal auch unterschiedlicher
Nation und Religion, leben da auf engstem Raum miteinander. Sie lieben sich, sie streiten sich, sie lachen miteinander und
weinen, sie verletzen und heilen sich gegenseitig, sie stehen gemeinsam im Kampf des Lebens und erleben dabei Sieg und
Niederlage, sie helfen einander und nutzen manchmal einander aus, sie teilen Freud und Leid. Und wenn es hart auf hart
kommt, kann man sich auf sie am ehesten verlassen. Sie teilen das Leben, wie es kommt und ist.
Familie ist ein Schmelztiegel des Lebens. Wo sonst wird das Leben ähnlich intensiv erfahren, erlitten und errungen?
Familie hat eine große Leuchtkraft, und dieses Licht leuchtet in so vielen Farben, wie es Menschen und Situationen gibt.
Meine Lieblingsgeschichte zum Thema Familie, eine wahre Geschichte:
Ein junger Mann von zwanzig Jahren hatte seine Eltern schwer beleidigt und ihren guten Ruf beschädigt. Der Vater, ein Bauer,
sagte zum Sohn: "Lass dich hier nie mehr blicken! Und wage es nicht, dieses Haus hier je wieder zu betreten!" - So stark war
der Bruch, und der Sohn ging weg, den Tod in der Seele, so zog er davon.
Wochen später wurde ihm bewusst, was er angerichtet hatte, und er sagte sich: "Ich bin wirklich ein Schuft. Ich muss nach
Hause und meine Eltern um Verzeihung bitten!" Aber er hatte solche Angst, dass sein Vater ihn im hohen Bogen hinauswerfen
würde, und so schrieb er ihm und sagte:" Papa, wirklich, ich habe solchen Mist gebaut, ich versteh mich selber nicht. Ich bitte
euch um Verzeihung. Ich möchte so gern nach Hause zurück, aber ich hab solche Angst, dass du nein sagst. Wenn du mir verzeihen
kannst, dann häng ein weißes Tuch in den Apfelbaum vor eurem Haus, in den letzten Baum der Allee vor eurem Haus." - Und zu
seinem Freund sagte er: "Ich bitte dich, begleite mich dorthin. Ich fahre und 500 Meter vorm Haus übernimmst du das Steuer, und
ich sitze neben dir und schließe die Augen. Du fährst die Apfelbaumallee herunter und hältst. Und wenn ich dann das weiße
Tuch sehe, stürze ich ins Haus. Wenn kein Tuch da ist, werde ich niemals mehr zurückkehren."
Gesagt, getan. Der Wagen rollt durch die Allee auf den letzten Baum zu. Und der Sohn, mit geschlossenen Augen, fragt den Freund:
"Sag, hängt da das weiße Tuch im Baum?" Und der Freund antwortet: "Nein, mein Lieber, kein Tuch im letzten Baum, aber Hunderte
davon, längs der ganzen Allee…"
So kann es in Familien zugehen: Streit und Konflikt bis zum Geht-nicht-mehr, und dann: diese Versöhnung…
So sorgenvoll uns vieles stimmen mag - so unverkennbar strahlt uns auch heute das Licht aus vielen Farben entgegen: In der Treue
und Liebe vieler Eheleute, die mit ihren Kindern in verlässlicher Gemeinschaft zusammenleben. In der Tapferkeit, mit der sich
Alleinerziehende den Herausforderungen stellen und für ein geregeltes Familienleben sorgen. In der Freiheit und Achtung voreinander,
die das Zusammenleben vieler nicht-ehelicher Lebensgemeinschaften prägt. In der ehrlichen Auseinandersetzung mit sich selbst bei
Menschen, deren Beziehung gescheitert ist. Gottes Geist weht wo er will, und sein Licht leuchtet auch auf aus den zerbrochenen und
unvollendeten Formen unseres Lebens. Sein Licht leuchtet uns überall dort entgegen, wo Menschen gut miteinander umgehen - denn:
wo Güte und Liebe, da wohnt Gott.
Gott schenke und erhalte unseren Familien dieses Licht in allen seinen Farben.
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