Verlorene Flügel
Predigt Christi Himmelfahrt 2006
Manchmal, in seltenen Stunden,
spürst du auf einmal nahe dem Herzen,
am Schulterblatt schmerzlich die Stelle,
an der uns, wie man erzählt, vor Zeiten
ein Flügel bestimmt war, den wir verloren.
Manchmal regt sich dann etwas in dir,
ein Verlangen, wie soll ich’s erklären,
ein unwiderstehliches Streben,
leicht und freier zu leben,
und dich zu erheben
und hoch über allem zu schweben.
Manchmal, einen Augenblick lang - dann ist es vorbei,
erkennst du dein wahres Gesicht, du ahnst,
wer du sein könntest und solltest.
Dann ist es vorbei. Und du bist, wie du bist.
Du tust, was zu tun ist. - Und du vergisst.
Das ist ein Gedicht von Lothar Zenetti. Da muss man erst mal drauf kommen: wie wäre es, wenn wir mit einem Flügel
geschaffen wären, wie die Engel, oder wie die Vögel. Mit einem Flügel, der uns mit dem Himmel verbindet. Und dann
haben wir im Laufe des Lebens den Flügel verloren und auch vergessen. Aber manchmal schmerzt noch die Stelle, wo
der Flügel einst saß - es gibt da so ein Ziehen in der Nähe des Herzens, ein "Phantomschmerz".
Es gibt Augenblicke, in denen es uns überkommt. Da war doch noch etwas, denken wir dann. Da hat es doch noch mehr
gegeben, mehr als Alltag und Mühen und die tägliche Tretmühle. Und plötzlich schmerzt es in uns. Leben könnte auch
ganz anders sein, denken wir dann: freier - und weiter. Nicht so erdenschwer - himmelsnäher. Sehnsucht überkommt uns
dann - wehmütige Sehnsucht: anders zu leben.
Es gehört zu uns, sagt das Gedicht. Es gibt dieses Stück Himel in unserem Inneren - diesen verlorenen Flügel, der uns
erinnert, wie wir eigentlich gedacht sind. Es gibt diesen Flügel, der uns sagt, wie wir eigentlich sein könnten.
Mit beiden Beinen, so sagt man oft, sollen wir fest auf der Erde stehen. Ja, gewiß - aber so kommen wir nicht voran.
Wie wäre es, wenn es dazu noch den Flügel gäbe - zumindest die Erinnerung an ihn -, den Flügel, der uns himmelwärts
bringt?
Himmel - das ist ein Wort! Ein Wort, das man nicht sachlich aussprechen kann wie ‘Tisch’ oder ‘Geld’. Ein Wort mit
Geheimnis. Ein Wort, in dem Hoffnung mitschwingt und Sehnsucht und Staunen. Ein Wort, wie ein Traum: Himmel ...
In welche Richtung geht das? Vielleicht: eine neue und andere Art zu leben. Niemand muss anders sein, als er ist, um
geliebt zu werden. Alle Angst hört auf, Gott ist da. Es ist ein Himmel, in dem Gottes Herz schlägt für uns Menschen;
liebevoll werden wir angeschaut und sind geborgen unter seinem liebenden Blick.
Liebe Schwestern und Brüder, wir feiern heute Christi Himmelfahrt. Das ist der Abschied Jesu von seinen Jüngern: er
lässt sie - und uns - zurück. Kann man das feiern - einen Abschied? Nein - das Fest erinnert an das Leben, das auf
uns wartet - auch an das Leben, das jetzt schon sein kann, wenn wir wollen.
Heute schauen wir mit den Jüngern zum Himmel, in den Jesus uns voraus geht. Er war sein Leben lang Grenzgänger zwischen
Himmel und Erde, er hat beides miteinander verbunden. Wie hat er bis zuletzt daran gearbeitet, Menschen für das
Himmelreich zu gewinnen! Das klingt bei ihm so: Das Reich Gottes - das Himmelreich - ist nahe! Es soll jetzt beginnen,
mit euch, mit niemanden sonst. Und Jesus nennt vier eindrückliche Schritte, wie das gehen kann:
TREIBT DÄMONEN AUS, steht da. Und ich frage mich, wie das heute heißt: dunkle Mächte vertreiben, Mächte der Angst und
der Unsicherheit, der Ausgrenzung und der Not. Helfen, dass Menschen davon frei kommen. Befreiung, das wäre so ein
Schritt himmelwärts.
SIE WERDEN IN NEUEN SPRACHEN REDEN, heiß es weiter. Zu Pfingsten hören wir dann mehr davon. Eine neue Sprache, in der
Menschen sich verstehen. Wenn wir Worte findenkönnten, die aufrichten, statt fertigmachen, die Weite schaffen und nicht
begrenzen, die stärken und nicht schächen - der Himmel wäre nahe:
KEIN TÖDLICHES GIFT KANN UNS SCHADEN. Das ist das Dritte. Wenn wir in Beziehung bleiben zum Gott des Lebens, dann bringt
uns alles Gift dieser Welt nicht um: die giftigen Worte und giftigen Blicke und die vielen Vergiftungen in der Seele.
Jesus verspricht, was er selbst erfahren hat zu Ostern: die Macht des Todes ist gebrochen. Das Leben siegt.
Und schließlich: KRANKE WERDEN GEHEILT, durch Handauflegung. Was für eine Kraft mag von Händen ausgehen, die sich
vorsichtig nähern, bergend und schützend, liebevoll und heilsam ... Wie viele Wunden könnten so geheilt werden?
Christi Himmelfahrt also: wir feiern den Gott, der Himmel und Erde in seinem Sohn miteinander verbindet. Wir lassen uns
an unseren verlorenen, den vergessenen Flügel erinnern, der uns himmelwärts zieht. Mit diesem "Flügel" wird es leichter
und freier, liebevoller, gnädiger mit uns und anderen. Der flügel erinert uns, wie wir gedacht sind, wie Gottes Gedanke
von uns ist.
Gott gebe uns dazu seinen Geist.
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