Medardus
Eine Gemeinde der
Pfarrei St. Medardus

Ansicht
Katholische Kirchengemeinde St. Joseph und Medardus - Jockuschstraße 12 - 58511 Lüdenscheid - Tel. 02351 / 66400-0

KarwocheMorgenandachten Karwoche 2008

Montg 17.03.2008


Die Karwoche hat begonnen, die heilige Woche der Christenheit. Ihre Basis, ihr roter Faden ist die Passionsgeschichte Jesu. Passion - das heißt: Leiden. Aber es bedeutet auch: Leidenschaft. Wir sprechen von einem passionierten Bergsteiger oder Gärtner und meinen: Der legt seine ganze Leidenschaft in sein Hobby hinein. Der ist da mit Leib und Seele drin.
Die Passionsgeschichte Jesu beginnt nicht mit seiner Verhaftung am Gründonnerstag. Sie beginnt, sobald er sich unter den Menschen zeigt. Da wird eine Passion, eine Leidenschaft für das Leben spürbar, die uns noch heute herausfordert. Jesus ist nicht der erste, der so passioniert den Menschen begegnet. Er ist die Stimme, das Sprachrohr Gottes, der schon im Alten Testament als "Liebhaber des Lebens" empfunden wurde, als Hirte, der ganz für die Herde da ist, als Vater und Mutter zugleich. In Jesus bekommt der "Liebhaber des Lebens" ein menschliches und konkretes Gesicht, er wird "hautnah". Bald drängen sich die Menschen zu ihm hin: die Kranken, selbst die Aussätzigen, die man sich ansonsten weit vom Leibe hält. Die Armen kommen, die, die kein Gehör finden und keine Zukunft haben. Die, über die man die Nase rümpft, stellen sich ein: die korrupten Zöllner, die Parteigänger der verhassten Römer, die Gesetzlosen, die Huren und die Sünder. Er, Jesus, ist für alle da, aber seine besondere Passion gehört den Armen und Leidenden, denen, die sich nach Erlösung und Befreiung sehnen.
Jesus konnte sich mit vielem nicht abfinden - nicht mit der Sünde und nicht mit der Ungerechtigkeit, nicht mit den Ausgrenzungen und Tabus seiner Zeit, nicht mit der Unbarmherzigkeit und Lieblosigkeit. Er wollte sich nicht gewöhnen an das Wegsehen, das Achselzucken und die müde Schicksalsergebenheit: " Das ist nun mal der Lauf der Welt. Man kann halt nichts machen."
Jesus ist fernab von der Apathie, der teilnahmslosen Gleichgültigkeit, diesem Alarmzeichen einer Gesellschaft. Er lebt in der "Sympathie", in der leidenschaftlichen Liebe zu Gott und den Menschen. Wie endet so einer? Verwundert es uns, dass die Mächtigen der Zeit höchst beunruhigt sind? Dass sie das Gesetz Gottes gegen ihn zur Waffe machen? Dass man irgendwann beschließt, ihm das Leben zu nehmen? Ihm, dem vermeintlichen Gottes-Lästerer? So steht auf einmal der Gott der Herrschenden gegen den Gott Jesu - der Gott, der die Ordnung absichert, gegen den Gott, der sich selbst - über alle Ordnung hinaus - an die Menschen verschenkt.
Jesus hat diese Feindschaft und diesen Widerstand gespürt und darunter gelitten. Er wusste: Es wird gefährlich. Aber er hatte keine Neigungen unterzutauchen oder zu fliehen. Er ist nicht auf halbem Weg stehen geblieben, sondern den ganzen Weg gegangen. Nicht sein Überleben war ihm am wichtigsten, sondern ein eindeutiges Leben in der Liebe. Die Leidenschaft für das Leben wirkt nur dann befreiend und ansteckend, wenn sie dem Leiden nicht aus dem Weg geht und es annimmt. Das Leiden und das Kreuz ist bei Jesus Konsequenz der Liebe. " Niemand liebt mehr als der, der sein Leben hingibt für seine Freunde", sagt Jesus im Johannesevangelium. Er selber hat dieses Wort wahr gemacht.

Dienstag 18.03.2008


Stellen Sie sich vor: ein Kölner Pfarrer macht einen Hausbesuch bei einem alten Ehepaar. Die beiden sitzen am Wohnzimmertisch, eine Kerze brennt, das Bild eines jungen Soldaten steht dabei. Aha, denkt der Pfarrer, der Sohn ist sicher im Krieg gefallen, und heute ist sein Sterbetag. Aber es ist nicht ganz so, wie er schnell merkt, denn der Vater erzählt nun die Geschichte des verstorbenen Sohnes.
Er war auf Heimaturlaub, aber es war fast schlimmer als an der russischen Front. Köln lag unter Beschuss, jede Nacht war Fliegeralarm, fielen die Bomben. Die Hausgemeinschaft saß ängstlich im Luftschutzkeller und spürte die Einschläge und die Zerstörung. Am letzten Urlaubstag des Sohnes wurde das Haus getroffen. Im Keller brach Panik aus. Die Kellertreppe war eingestürzt, die Tür zersplittert, alles voller Staub. Die Leute fürchteten, verschüttet zu werden. Da übernahm der junge Soldat das Kommando. Er tastete sich zum Durchbruch vor, zu dem Loch, durch das man ins Nachbarhaus klettern konnte. Auch hier sah es gefährlich aus; ein Balken ragte von oben in das Loch herein. Der Soldat stemmte sich vorsichtig unter den herabhängenden Balken, um den anderen freie Bahn zu ermöglichen. Alle krochen durch. Kaum war der letzte in Sicherheit, lösten sich über dem rettenden Durchbruch schwere Gesteinsbrocken, trafen auf den Balken und verschütteten den Sohn. Der starb noch in der Nacht. Alle, die davongekommen waren, stimmten überein: Ohne ihn hätten sie es nicht geschafft; er hat die Gefahr gesehen und sich geopfert…
Nach diesem Hausbesuch geht der Pfarrer zur Abendmesse in die Kirche. Die vertrauten Worte berühren ihn nun besonders: " Das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird." Der Soldat in seinem Bilderrahmen und der Sohn Gottes am Kreuz kommen ihm vor wie Brüder. Beide haben den Balken auf den Schultern. Beide halten den Durchbruch frei - den rettenden Weg ins andere Haus. Beide opfern sich und geben ihr Leben hin - für die anderen. Das kleine Wörtchen "für" kann man so leicht überhören. Es ist ein geradezu "heiliges" Wort, ohne das der christliche Glaube zusammenbrechen würde wie ein Kartenhaus. Es wird dort ganz groß geschrieben - nicht immer in der gelebten Praxis, leider, aber doch im Anspruch, in der Vorstellung, wie es sein sollte. Dietrich Bonhoeffer hat Jesus einmal als " Mensch-für-andere" bezeichnet. Er lebte nicht "für sich", sondern für die anderen, für dich und mich. Und so starb er auch. Das kann denen, die sich nach ihm "Christen" nennen, nicht egal sein.
Manchen klingt das nach Ausnutzen und Ausgenutzt werden. Sie fürchten nicht zu Unrecht, dass die Bereitschaft zu Opfer und Hingabe furchtbar missbraucht werden kann. Da bleiben sie dann lieber bei der Selbstverwirklichung. Der Boden ist ihnen sicherer…
Dennoch haben unsere besten Erfahrungen wohl mit dem "für" zu tun- Erfahrungen als Ehe- und Lebenspartner, als Vater und Mutter, als Menschen, die im Beruf gebraucht werden und sich gebrauchen lassen. Wenn es einen "Sinn des Lebens" für alle gibt, dann zeigt er sich hier. Wir können und dürfen füreinander da sein. Wir gehen dann in großen Fußstapfen: wie groß sie sind, wird in der Karwoche sehr deutlich.

Mittwoch 19.03.2008


Kinder stellen oft die richtigen Fragen und geben selber geniale Antworten. So brachte ein Vierjähriger - Sacha - seinen Vater bei einer Trauung mit einer ernsten Frage in Verlegenheit. Der Junge fragte laut: "Warum ist der Mann am Kreuz tot?" Der Vater, ein bekannter Schauspieler, der die Geschichte in einer kanadischen Zeitung wiedergab, war wirklich verlegen .- es war ihm peinlich. Nicht nur, weil sein Junge so laut gefragt hatte, dass alle Umstehenden es mitbekamen - mehr noch, weil er selber keine Antwort wusste. Ja, warum ist der Mann am Kreuz tot? Der Vater ging dann doch auf den Sohn ein und ließ das Gespräch seinen Lauf nehmen. Zunächst wurde es noch schlimmer:
" Weißt du, Sacha, der Mann ist tot, weil die Menschen ihn nicht verstanden haben."
" Das ist doch kein Grund, Papa!"
" Ich weiß, Liebling; aber dort, wo Menschen zugange sind, sind sie oft auch sehr gemein."
" Was?"
" Die Menschen sind nicht immer nett zueinander. Aber keine Sorge: er lebt wieder!"
Sobald er das gesagt hatte, wünschte sich der Vater, er hätte es nicht gesagt. Denn jetzt konnte der Sohn ganz neu einsteigen: " Man kann sterben und wieder leben?"
" Nein, Liebling, nur er!"
Der Sohn: " Warum er und nicht ich?"
Der Vater fühlte sich nun auf äußerst schwankendem Boden, wie ertappt in seinen Zweifeln und Fragen und in seiner Skepsis. Daher gab er die Frage an seinen Sohn zurück :
" Sacha, warum glaubst du denn, dass der Mann starb und dann nicht mehr tot war?"
Sacha dachte nach. " Weil er noch nicht fertig war mit dem, was er zu sagen hatte!"
Der Vater, so sein Bericht in der Zeitung, war stolz wie Oskar. Er fand die Antwort des Sohnes sehr einleuchtend, sie führte ihn selber wieder tiefer in den Glauben hinein. Der Vierjährige hatte ihm einen neuen Sinn in altbekanntes Gelände gebracht: Was Jesus sagte und tat, war so wichtig, dass er nicht "tot bleiben" konnte. Er war eben noch nicht fertig mit dem, was er zu sagen hatte….
Ich würde diesen Sacha gern kennen lernen und für mein Nachdenken und Predigen manchen Geistesblitz von ihm aufgreifen! Die Intuition des Kindes und die Botschaft des Glaubens sagen: Der Mann am Kreuz ist tot, ohne Wenn und Aber. Aber das ist es noch nicht. Der Tod- das ist es noch nicht. Es steht noch so vieles aus. Er war noch nicht fertig…Und so ist er von Gott auferweckt worden und lebt, sendet seinen Geist, sammelt Menschen und bringt sie zusammen in eine Gemeinschaft, die Kirche. In ihr tritt das Kreuz in ein neues und anderes Licht. Es bleibt ein grausames Instrument des Todes, aber es wird zugleich und immer mehr das Zeichen der Erlösung, wird "Gottes Kraft und Weisheit", wie Paulus schreibt ( 1 Kor 1,24). Paulus lässt das Kreuz stehen und nicht im hellen Lichtglanz von Ostern verschwinden; er will nicht, dass es " um seine Kraft gebracht wird". Jesus war " fertig", am Ziel - und zugleich noch nicht fertig: " Ein für allemal" hat Jesus sich am Kreuz für uns verschenkt und so der Erlösung gedient. Diese Liebe lässt sich nicht steigern.
Und dennoch: Er war noch nicht fertig. Es steht noch so vieles aus.Vielleicht stehen w i r noch aus - wir in unseren Schwierigkeiten, diese am Kreuz hängende unglaubliche Liebe anzunehmen und zu beantworten. Er will uns und braucht uns - damit alles fertig wird…

Donnerstag 20.03.2008 (Gründonnerstag)


Schön wär´s, wenn es eine Leiter zum Himmel gäbe, die einem den "Aufstieg zu Gott" garantiert. Aber wo sollten wir die Leiter aufstellen, in welche Erfahrungen könnten wir sie platzieren?
Manche suchen in der Stille und in ihrer eigenen Tiefe, sie meditieren und bemühen sich um ein "spirituelles Leben". Sie suchen Gott sozusagen "mit geschlossenen Augen". Die Bibel hält es insgesamt eher mit den "offenen Augen". "Ich war hungrig, und ihr habt mir zu essen gegeben," sagt der Menschensohn im Letzten Gericht, und die Gerechten sind ganz überrascht und verblüfft:" Wann haben wir dich hungrig gesehen und dir zu essen gegeben," fragen se zurück. Sie haben hingeschaut, sie haben den Notleidenden nicht übersehen und so über ihn Gott "erfahren". Auch das ist "spirituelles Leben", und zwar mitten im Alltag, auf der Straße.
Große Geister des Christentums stellen die Himmelsleiter an sehr weltlichen, alltäglichen Orten auf. So Meister Eckart, im Mittelalter: " Suche Gott nicht nur mit großen Aufschwüngen der Seele. Vielleicht kommst du ihm im Kuhstall näher." Sehr drastisch, im Kuhstall, d.h. am Arbeitsplatz der meisten Leute von damals.
Oder Teresa von Avila:" Gott ist gegenwärtig auch zwischen Kochtöpfen." Wir fügen hinzu: auch an Krankenbetten, auch im Lehrerzimmer, auch auf dem Marktplatz.. auch in Rundfunkstudios…
Wie kommen sie darauf? Weil die Himmelsleiter im Evangelium, im Leben Jesu an ähnlichen Plätzen stand: z.B. im Stall von Bethlehem. Auf staubigen Straßen, wo Jesus auf Menschen zuging. An den Hecken und Zäunen. Und schließlich und vor allem: auf einer Müllkippe namens Golgatha, draußen vor der Stadt Jerusalem. Ein Kreuz wird dort zur Himmelsleiter.
Am Gründonnerstag - heute - hören wir, dass die Himmelsleiter auch in einer Waschschüssel stehen kann. Es ist die Schüssel, über der Jesus seinen Jüngern die Füße wäscht.
Der Maler Siger Köder malt die Fußwaschung so: Man sieht Jesus nur von hinten, vom Rücken her. Er beugt sich über die Waschschüssel - und sein Gesicht spiegelt sich im Wasser.
Eine faszinierende Idee: die Spiegelung. Wir finden Jesu Gesicht, wir finden Gott auch heute da, wo so etwas wie "Fußwaschung" geschieht. Da ist er dabei, da ist er "drin"; da s p i e g e l t er sich.
Jesus wäscht seinen Jüngern die Füße. Sein ganzes Leben ist zusammengefasst in diesem Zeichen, genauso wie in den Worten über Brot und Wein: Das ist mein Leib, hingegeben für euch, weggeschenkt an euch. Das ist mein Blut, vergossen für euch…
Die Jünger, Petrus zumal, haben damals dieses Zeichen abgewehrt. Vielleicht haben sie Gott nur im Großen und Erhabenen, "in Blitz und Donner" erwartet und nicht im Kleinen und Unscheinbaren, nicht in der hungrigen Schwester und im durstigen Bruder und nicht im Sklavendienst der Fußwaschung. "Das ist doch das Letzte", dachten sie, "diese Fußwaschung." " Das ist das Letzte, was ich euch zeigen kann," sagt Jesus. Er dient, er führt neue Tischsitten ein, er führt überhaupt neue Sitten ein. Seitdem ahnt man zumindest, was es heißt, Brüder und Schwestern zu sein. Die Himmelsleiter ist da aufgestellt, wo zwei oder drei ( oder mehr) in seinem Namen versammelt sind und -bildlich gesprochen- einander nicht den Kopf, sondern die Füße waschen…

Freitag 21.03.2008 (Karfreitag)


Als Jesus starb, da bebte die Erde. So erzählt es das Matthäusevangelium. Wenn die Erde bebt, dann heißt das: Das Sicherste: die Erde, auf der wir stehen, ist gar nicht so sicher. Der tragende Grund schwankt. Es wird uns der Boden unter den Füßen weggezogen…
Als Jesus starb, da bebte die Erde: Ein anderer tragender Grund geriet ins Wanken: das Gottesbild! Als Jesus stirbt, bekennt der römische, der heidnische Hauptmann unter dem Kreuz: " Wirklich, dieser Mensch war Gottes Sohn!" Man muss nicht den Passionsfilm von Mel Gibson gesehen haben, um sich den Gekreuzigten in seinem Blut, in der Grausamkeit und im ganzen Schrecken der Szene vorzustellen. Ein Horrorbild! Und angesichts dessen wird Jesus von außen - von einem Römer - als Gottes Sohn erkannt!
Die Erde bebte, und einiges mehr bebt mit. Unsere Vorstellung und Rede von Gott macht einen Sprung. Der allmächtige Gottkönig in Glanz und Gloria auf seinem Thron, unberührt vom Leid der Menschen, bestenfalls Zuschauer ihres Elends -mit ihm ist es vorbei. Stattdessen sehen wir einen Gott, der verwundbar ist - so wie die Liebe immer verwundbar ist-, einen Gott, der das Leiden mitträgt und auf der Seite der Leidenden steht.
Der Gekreuzigte versteht uns, was auch immer uns aufgebürdet ist. Er weiß, was Leiden heißt. Und mit ihm und in ihm weiß Gott, was Menschen fertig macht. ER hört ihr Beten und Schreien. Nichts bleibt ungehört.
Das Evangelium erzählt, dass im Augenblick des Todes Jesu der Vorhang im Allerheiligsten des Tempels von oben bis unten zerreißt. Nun ist ein Durchblick möglich. Der Vorhang verhüllt und verbirgt, dazu ist er da. Wir ahnen vielleicht, was dahinter ist, aber wir können es nicht sehen. Ein zerrissener Vorhang gibt den Blick frei, er eröffnet auch Zugänge. Die Bibel deutet also an: Im Tod Jesu sehen wir ein neues Gottesbild. Der Vorhang ist nicht mehr nötig. Er ist überholt. Gott ist aus seiner Verborgenheit und Verhüllung herausgetreten und zeigt sich. Er zeigt sich in der Welt, er zeigt sich am letzten Platz und absoluten Tiefpunkt der Welt, zeigt sich in dem Gekreuzigten. Das Gesicht mit der Dornenkrone gehört jetzt zu Gott - der tote Jesus und Gott sind eine Einheit geworden. Nochmals die Stimme des heidnischen Hauptmanns:" Wirklich, dieser Mensch war Gottes Sohn!"
Man muss es deutlich sagen: Das ist eine große Zumutung für unseren Glauben. Das Wort vom Kreuz durchkreuzt unsere Vorstellungen, es stellt unsere religiösen Ideen und Wünsche auf den Kopf, es ist, wie Paulus den Korinthern schreibt, für viele "ärgerlich", " eine Torheit", ein Paradox. Wir hätten es wohl gern harmonischer, ästhetischer, abgeklärter, ohne Blut. Der lächelnde Buddha etwa in seiner weisen Gelassenheit passt vielen besser in die Zeit als der leidende und sterbende Mann am Kreuz mit seinem lauten Todesschrei. Aber gerade die Härte dieses Bildes spricht für Jesus, für seine leidenschaftliche Liebe. Sie geht durch die Todesangst und sogar durch das Gefühl der Gottverlassenheit hindurch, sie bleibt nicht auf halbem Wege stehen, sondern geht den ganzen Weg. " Durch seine Wunden sind wir geheilt." Durch seine Wunden, nicht an ihnen vorbei .Der verwundete Heiler kann andere heilen. Auch uns.

Samstag 22.03.2008 (Karsamstag)


Heute morgen sind keine Glocken zu hören. Der Karsamstag ist ein stiller, unscheinbarer Tag. Er geht weithin unter zwischen den gewaltigen Nachbarn, dem Karfreitag und dem Osterfest. Die Kirchen sehen heute innen leer und nackt aus. Die Leute sind beschäftigt mit Einkäufen und Oster-Vorbereitungen: Sie sind mit dem, was sie umtreibt, schon einen Tag weiter…
Heute betrachte ich ein Bild, das in meinem Arbeitszimmer hängt und zum Karsamstag passt: Maria hält den toten Jesus auf ihrem Schoß. In der Bibel steht nichts von dieser Szene. Aber die Frömmigkeit des Volkes hat sich das mit feinem Gespür ausgemalt: Die Mutter, die vorher unter dem Kreuz stand, nimmt den gekreuzigten Sohn noch einmal zu sich. In ihrem Schoß begann sein Leben. Auf ihrem Schoß ruht er nun am Ende seines Weges.
"Pieta" nennt man ein solches Bild. Pieta heißt göttliches oder menschliches Erbarmen, heißt Bild der Barmherzigkeit. Es ist ein stilles Bild - still wie der Karsamstag. Die Tränen sind geweint, und der Schmerz sitzt tief.
Zwei Leiden sind im Bild. Das eine ist vorbei: der Sohn hat ausgelitten. Das andere Leiden, das der Mutter, steht im Mittelpunkt. Es ist das Mit-Leiden am Leid der anderen, am Kreuz der anderen.
Mit-leiden. Das ist mehr und anders als Mitleid. Mitleid sagt sich so schnell : "Ich habe Mitleid mit dir" - oft nur ein blasses Gefühl, das keinem hilft…
Die Pieta zeigt Mitleiden, ruft auch dazu auf. Dafür braucht man Zeit, viel Zeit. Man muss das Leiden erst mal "verarbeiten" - in der Stille, in der Klärung der Gefühle, im Nachdenken, im Gebet, in der Trauer. Das ist nun die Situation des Karsamstags, und dieser Tag kann und darf sehr lang werden, kann wochenlang und jahrelang dauern.
Es ist der Tag und die Zeit "dazwischen", der notwendige und wichtige Zwischenraum
zwischen dem Karfreitag und Ostern,
zwischen dem Schicksalsschlag, der dich förmlich "umhaut",
und der starken Kraft, die dich wieder aufstehen und weitergehen lässt.
Wer mitleidet, sieht richtig hin, und daher verdrängt er nicht das Leiden der anderen und blendet es nicht aus. Er nimmt es wahr, er stellt sich ihm, und flieht nicht ( wie die Jünger vor dem Kreuz), sondern versucht standzuhalten ( wie die Frauen unter dem Kreuz).
Wer mitleidet, muss oft genug Ohnmacht aushalten. Er möchte dazwischengehen, möchte den Lauf der Dinge verändern. Aber es gelingt ihm nicht, er kommt sich ganz hilflos vor, und er muss hinnehmen, ohne zu resignieren.
Wer mitleidet, ist nicht allein. Er kann auf das Kreuz schauen, auf den Gekreuzigten, und vielleicht spürt er ein tiefes Band der Solidarität, eine starke Gemeinschaft mit Jesus und allen leidenden Menschen, den "Brüdern und Schwestern". Er findet Zeichen und Gesten der Hilfe, der Freundschaft und Nähe zum leidenden Mitmenschen.
In dem Pieta - Bild hat Maria ihre Geste gefunden, den Ausdruck mütterlicher Nähe. Sie trauert. Ostern ist noch nicht in Sicht. Noch ist Karfreitag, noch ist Karsamstag, noch herrscht das Leiden. Aber dieser Jesus, dessen toten Körper sie auf ihrem Schoß hält, wird das Leiden verwandeln. Wir dürfen darauf vertrauen.

Text downloaden