Medardus
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LammVom Lamm und von großen Tieren

Predigt 20.01.2008


Könige und Regierungen wählen sich gern ein Tier aus, das ihre Macht ausdrücken soll. Der Schah von Persien saß auf dem Pfauenthron; der prächtig herausgeputzte Pfau war also sein Symbol. Afrikanische Herrscher lassen sich gern mit Löwen vergleichen oder mit Tigern - der gestürzte Diktator Mobutu vom Kongo trug stets eine Mütze aus Tigerfell; seine Feinde sollten vor ihm zittern wie vor einem Raubtier. Im deutschen Bundestag hängt der Adler, er ist sozusagen das Wappentier unseres Landes. In dem zurzeit in den Kinos laufenden Film über Alexander den Großen sind 25 Elefanten dabei, um den Feldherrn und Eroberern angemessen in Szene zu setzen. Die Macht sucht also das Große, Starke und Prächtige als Symbol.
Hier in der Messe ist es umgekehrt. Nachher wird ein unscheinbares kleines Stückchen Brot in einer einfachen Geste hochgehoben und uns so vor Augen gestellt und dann hören wir die Worte: "Seht, das Lamm Gottes, das hinweg nimmt die Sünden der Welt!"

Der Löwe und das Lamm: Alexander der Große starb mit 33 Jahren - wie Jesus. Er war - wie ein Löwe - auf Beute aus, eroberte ein Weltreich: von Griechenland bis hin nach Indien. Hunderttausende von Toten säumten seinen Weg. Er ließ sich durch nichts aufhalten. Der Mensch galt ihm nichts. Mit seiner Gewalt vergrößerte er nur die "Sünden der Welt" - und sein Weltreich zerfiel.
Ganz anders: Jesus, das Lamm. Seine Art, die Welt zu verändern, war: leise, gedul-dig, gewaltlos, nah am Menschen. Er setzte nicht die "Sünde der Welt" fort - er unterbricht sie, "er nimmt sie hinweg". Zu jeder Messe werden wir daran erinnert - durch das Bild vom Lamm Gottes. Das Bild reicht weit zurück - bis zum Pascha-Lamm, das zu Moses' Zeiten bei der Befreiung Israels aus Ägypten geschlachtet wurde. Es ist - weiß Gott - kein niedliches Bild, das Wort vom Lamm. Da fließt Blut, aber nicht durch das Lamm. Das Lamm ist das Opfer.
Gleich, in etwa 20 Minuten, sagen wir also wieder "Lamm Gottes", sagen es vielleicht einfach nur so, spüren nicht mehr der Schrei um Erbarmen und das Flehen um seinen Frieden, das damit verbunden ist. Gib uns Deinen Frieden! Den Frieden eines Menschen, der verfolgt und getötet wurde, der nicht Schläge austeilte, sondern einsteckte, der völlig gewaltlos war. "Lamm Gottes" - kann man so leben wie Jesus, der nicht die Ellbogen gebrauchte, der auf die üblichen Spielchen des Sich-Durchsetzens verzichtete, der stattdessen "sein Leben hingab"?

Das ist für mich das Herausfordernde, das Verstörende jeder Messe: Wir essen das Stückchen Brot, das für uns gebrochen wurde, nehmen in uns auf den, der alles hingab … - ja, und dann? Folgen wir dann dem Lamm oder doch lieber den Löwen und Wölfen, sobald wir wieder draußen sind?
"Der Mensch ist des Menschen Wolf", schrieb ein berühmter Philosoph. Ich nehme an, dass er darüber traurig war. Es ist schrecklich, wenn Menschen sich so voreinander in Acht nehmen müssen: der eine fällt bei passender Gelegenheit über den anderen her, wie ein Wolf - mit seinen Worten, mit seinen Taten.
"Der Mensch ist des Menschen Wolf", ja, das erleben wir oft genug. Gut, wenn wir darüber noch traurig sein können, oder beschämt. Lasst uns also auf die große Al-ternative schauen: auf das Lamm. Jesus, das Lamm Gottes, hat mehr bewegt als alle Herrscher zusammen, wie zum Beispiel Alexander, die es mit den Löwen halten. Sie reißen ein. Das Lamm baut auf. Es "nimmt hinweg die Sünden der Welt".

Vielleicht haben wir als Christen Angst, beim Lamm zu stehen - Angst vor Überforderung, Angst, den Kürzeren zu ziehen, Angst, ausgenutzt zu werden. Ich möchte diese Angst nicht kleinreden, aber Sie doch einladen, vor dem Lamm innezuhalten, das Wort und das Bild zu meditieren, gleich beim Agnus Dei die Worte bewusster mitzusprechen, und das gebrochene Brot der Eucharistie, den hingegebenen Leib Christi, bewusst zu empfangen.
Unsere Welt braucht nicht die Kriegstreiber und Superhelden. Die lassen alles beim Alten und ändern nichts an der "Sünde der Welt". Unsere Welt braucht Menschen, die - wie Jesus - zum Brot für andere werden können: nicht Wolf-Menschen, nicht Löwen-Menschen, sondern Lamm-Menschen. Solche Menschen können der Erde ein neues Gesicht geben; sie lassen ahnen, dass die "Sünde der Welt" wirklich hinweg genommen ist. Sie führen weiter aus dem Kreislauf des Bösen hinaus …

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