Medardus
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OsternOstern - mitten im Leben

Predigt 16. April 2006

Als der Sabbat vorüber war, kauften die Frauen wohlriechende Öle, um Jesus im Grab zu salben.

Friedhofskultur gab es schon damals. Sicher mehr als heute. Die Frauen wollten den toten Jesus einbalsamieren. Sie wollten den Leichnam konservieren. Die Leiche soll zur Mumie werden, soll ewig halten. Das Grab soll gepflegt werden. Das ist menschlich. Aber göttlich ist es, nicht den Tod zu verewigen, sondern das Leben.

Am ersten Tag der Woche kamen sie in aller Frühe zum Grab, als eben die Sonne aufging.

Eine neue Woche beginnt, ein neuer Tag beginnt - das ist der Tag, den der Herr gemacht. Was sich erst später zeigt: eine neue Zeitrechnung beginnt. 2006 Jahre nach Christus sind es jetzt. Ohne den auferstandenen Christus müssten wir unsere Zeit anders zählen. Ostern ist nicht von dieser Zeit; es ist kein fotografierbares Ereignis wie der Fall der Berliner Mauer oder die Zerstörung des World Trade Centers. Ostern ist nicht von dieser Zeit, und doch ordnet es unsere Zeit. Es ist reiner Neubeginn. "Die Sonne ging auf" - die Ostersonne mit ihrer Leucht- und Hoffnungskraft ist nie mehr untergegangen: auch wenn heutzutage ein großer Teil der Bevölkerung - vielleicht sogar die Mehrheit - gar nicht mehr weiß, warum es zwei Tage frei gibt. Die Leuchtkraft der Ostersonne hängt nicht von statistischen Umfragen ab.

Am Grab sahen sie, dass der Stein vom Eingang weggewälzt war.

Was haben sich die Frauen da wohl gedacht? Wer hat da die Ruhe des Grabes und des Karsamstags gestört? Wer will da was? Waren Grabräuber am Werk? Politische Machenschaften? Der weggewälzte Stein irritiert erst einmal nur. Er reicht noch nicht, dass den Frauen "ein Stein vom Herzen fällt" und sie aus ihrer Trauer herausgeholt werden.

Die Frauen gingen in das Grab hinein.

Ein kleiner Satz, den man schnell überliest. Würden Sie da reingehen, in diese unheimliche Grabhöhle, in der sich vielleicht gerade die Räuber zu schaffen machen? Die Frauen sind mutig.Der erste Schritt auf Ostern zu: hinein gehen ins Unbekannte, ins Unerwartete - ja selbst in die Todeshöhle.

Sie sahen einen jungen Mann dasitzen im weißen Gewand.

Im weißen, im leuchtenden Gewand. Der kommt von Gott her und bringt eine Botschaft von Gott. Die haben sich die Menschen nicht selber ausgedacht. Engel - so nennen wir die diese Boten, diese Deuter. Und solche Engel brauchen wir auch heute: menschliche "Boten des Himmels", die uns in die Botschaft Gottes hinein ziehen.

Da erschraken sie sehr.

Würden wir auch - nichts wie weg. "Was will der Mann von uns", denken die Frauen. Noch dreimal kommt das vor, das Erschrecken. Das Wort liegt über dem Folgenden. Wie durch einen Filter hören die Frauen das, was kommt. Das Erschrecken und die Furcht überlagern alles. "Sie sagten niemand etwas, sie fürchteten sich" - erst später bricht die Freude durch, und das Sprechen. Man erschrickt, wenn die Dinge nicht mehr so sind wie sie waren. Wenn tot nicht mehr tot ist. Wenn ein Grab die Wiege von etwas Neuem wird, die Wiege des Glaubens, die Wiege des "neuen Lebens", die Wiege der Kirche. Man erschrickt und ist fassungslos. Ein wenig von diesem Erschrecken und von dieser Fasungslosigkeit wünsche ich uns auch heute.

Der junge Mann sagte zu den Frauen: Erschreckt nicht! Ihr sucht Jesus, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden; er ist nicht hier.

Wo ist er denn? Wo sollen wir ihn suchen? "Sucht den Lebenden nicht bei den Toten", heißt es in der Bibel. Sucht ihn nicht in der Vergangenheit. Sucht ihn hier und heute - sucht ihn in eurer Mitte. Sucht ihn im Leben und Handeln seiner Freunde von heute.

Und weiter sagte der junge Mann: Seht, da ist die Stelle, wo man ihn hingeleht hatte!

Und da ist nichts mehr. Nur Leere, ein leeres Grab. Die Frauen finden: nichts. Und dieses Nichts ist der Ausgangspunkt für alles weitere. Leere ist in der Regel schlimm: leere Kassen, leere Portomanaise, leere Kirchen. Aber das leere Grab - so werden sie langsam verstehen - bedeutet: Fülle.

Nun aber geht und sagt seinen Jüngern, vor allem Petrus: Er geht euch voran nach Galiläa. Dort werdet iht ihn sehen.

Ostern heißt GEHEN, heißt: mit Christus vom Tod zum Leben hinüber gehen. Darin geht Christus uns voraus. Die erste Richtung ist Galiläa. Da kommen er und seine Jünger her, da haben sie als Fischer und Handwerker gelebt. Christus bringt also Ostern in den normalen Alltag, dahin, wo wir arbeiten, essen und schlafen - wo wir zusammen sind. Ostern steht "mitten im Leben", nicht erst an den Rändern, wo Menschen sterben oder schwer leiden müssen.
Ostern steht mitten im Leben - nicht bloß in den "heiligen Bezirken" der Religion, in Tempeln oder in den Kirchen. Darum muss man aufbrechen von Jerusalem, der heiligen Stadt, und ins nicht sehr gesschätzte Galiläa, in den Alltag ziehen. Ostern, Auferstehung Jesu Christi, ist keine religiöse Spezialfrage, sondern ein Thema des Lebens.

Das Fest hat zu tun mit Fragen wie: Siegt das Böse in der Welt, siegt die Gewalt? Lohnt sich die Liebe, lohnt sich das menschliche Engagement? Worauf darf ich hoffen? Was bewahrt mich vor der Mutlosigkeit? Was lässt mich aufbrechen und immer wieder neu aufstehen? Hat der Tod das letzte Wort? Was ist möglich und was ist unmöglich?

Liebe Schwestern und Brüder, ich freue mich auf österliche Menschen, die nicht sagen: "Das ist doch unmöglich!", sondern "Lasst es uns versuchen!". Die nicht sagen: "An dem ist Hopfen und Malz verloren, den kannst du vergessen.", sondern: "Gebt ihm noch eine Chance!". Die nicht sagen: "Das ist doch nur einen Tropfen auf einen heißen Stein", sondern: "Das ist der erste Schritt des Aufbruchs in die richtige Richtung." Die nicht sagen: "Tot ist tot, finde dich damit ab", sondern: "Verlass dich auf Gott, er weckt neues Leben."

Ich freue mich auf viele österliche Menschen auch hier und wünsche Ihnen allen in diesem Sinn "gesegnete Ostern"!


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