Was kommt nach dem Tod?
Predigt 11.11.2007
Was kommt nach dem Tod?
Nach dem Tod
kommen die Rechnungen
für Sarg, Begräbnis und Sarg.
Was kommt nach dem Tod?
Nach dem Tod
kommen die Wohnungssucher
und fragen, ob die Wohnung erhältlich ist.
Was kommt nach dem Tod?
Nach dem Tod
kommen die Grabsteingeschäfte
und bewerben sich um den Auftrag.
Was kommt nach dem Tod?
Nach dem Tod
kommen die Lebensversicherungen
und zahlen die Versicherungssumme.
Was kommt nach dem Tod?
So, liebe Schwestern und Brüder, schreibt Kurt Marti, der schweizerische Dichter und Pfarrer, in seinen Leichenreden.
Ja, was kommt nach dem Tod? Wirklich nur Rechnungen und Versicherungen und Abwicklungen? Sie merken: im Gedicht wird die
Frage am Schluss neu gestellt. Sie bleibt offen, sie ist nicht erledigt.
So leicht werden wir die Frage auch nicht los. Seit Jahrtausenden geht sie durch die Menschheit. Die alten Ägypter, die
alten Griechen und Germanen, die Juden und Inder, alle Naturvölker, alle Kulturen und Religionen stottern sozusagen um
diese Frage herum - bis heute. Man muss es allerdings gestehen: erst in unserer Zeit - heute - hat die Frage für viele an
Wucht und Bedeutung verloren. Viele - auch unter uns Christen - interessieren sich mehr und mehr ausschließlich fürs Diesseits
als fürs Jenseits. "Vor hundert oder zweihundert Jahren lebten die Menschen im Schnitt 40 oder 50 Jahre - plus Ewigkeit",
sagt Paul Zulehner. "Heute leben sie nur noch 90 Jahre." Nur noch 90 Jahre, d.h. ohne Ewigkeit, ohne diese Perspektive. Das
Leben ist also verkürzt, ist trotz Länge kürzer geworden! Alles muss im Diesseits geschehen, alles muss sich hier vollenden.
Das Leben hier ist die "letzte Gelegenheit". Alles ist ultimativ, die Zeit drängt und daher die hektische Suche nach Glück.
In Todesanzeigen finden wir immer häufiger die Formulierung "Du lebst in unseren Herzen weiter." Das heißt: 70 oder 80 Jahre
Lebenszeit plus 40, 50 Jahre Erinnerung in den Herzen der Kinder.
Ich muss gestehen: Das alles ist mir zu wenig. Ich lasse mir die Hoffnung auf die Ewigkeit nicht ausreden. Gewiss: sie ist oft
als billige Vertröstung missbraucht worden. Haltet hier still und schluckt das Unrecht, im Jenseits geht es euch besser! Das
alles hat es gegeben - aber der mögliche Missbrauch heißt noch lange nicht, dass die Sache selbst, die Frage "Was kommt nach
dem Tod", damit vom Tisch wäre.
Damals, im Evangelium, lachten und spotteten die Sadduzäer, eine mächtige Gruppe, die nicht an die Auferstehung glaubte. Die
Sadduzäer erzählten Jesus die absurde Geschichte von der Frau mit den sieben Männern und dachten, damit sei die Frage erledigt.
So einen Quatsch kann doch keiner glauben.
Heute reden die Sadduzäer unter anderen Namen. Vielleicht im Namen des "modernen Bewusstseins", das für die Ewigkeit keine Zeit
mehr hat. Und dann werden wir angefragt und manchmal unter Beschuss genommen: wie haltet ihr es denn damit? Wie steht ihr dazu?
Vielleicht fragen die eigenen Kinder, vielleicht fragen wir uns manchmal selbst. Und dann schwirren uns Begriffe im Kopf herum
wie: Auferstehung, Hölle, Himmel, Fegefeuer, Gericht, ewiges Leben.
Eines ist klar: wir reden dann nicht aus Erfahrung. Niemand ist aus dem Jenseits zurückgekommen. Wir wissen nicht Bescheid. Wir
können bestenfalls etwas andeuten: ein Geheimnis des Glauben. Wir können Signale der Hoffnung setzen - einer Hoffnung, die
grenzenlos ist und für die auch der Tod nicht das letzte Wort hat.
Ein Professor aus Österreich, Ferdinand Klostermann, inzwischen verstorben, war in seinen letzten Lebensjahren einmal für
klinisch tot erklärt worden. Er war zumindest an der Schwelle des Todes gewesen. Er schrieb darüber: "Alle Begriffe waren weg.
Da hatte ich sechzig Jahre lang studiert und mit den Begriffen gelebt. Die ganze Theologie war weg an dieser Schwelle zum Tod.
Aber ich spürte ein ganz tiefes Gehalten-Sein. Und ich glaubte, all diese Anstrengungen des Studiums haben sich gelohnt wegen
dieser einen Erfahrung: von Gott gehalten und getragen zu sein. Es war mir, als wenn ein Magnet mich zieht, mich hineinzieht
in eine große, wunderbare Liebe." - Das also können wir erwarten!
Sind das alles vielleicht nur Wünsche, Illusionen, Projektionen, weil der Mensch nicht zurechtkommt mit dem Tod und seiner
Endlichkeit?
Für mich ist das anders. Ich gehe vom Leben aus. Wir sind schon irgendwie "denkwürdig" geschaffene Wesen:
- Unser Leben ist immer nur bruchstückhaft. So vieles geht kaputt. In so vieler Hinsicht scheitern wir. So oft haben wir
nur Scherben in den Händen. Ich frage mich: Gibt es also keine Ganzheit, die das Leben sozusagen "rund" macht, wenn ich es
schon nicht kann? Mein Leben - ein Scherbenhaufen?
- Unser Leben ist wie eine große Frage. Wir leben mit so vielen ungelösten Fragen. Diese ständige Frage warum geht uns
nach. Warum leben wir überhaupt? Warum der Tod? Warum das Leiden und all das Negative? Fragen über Fragen. Gibt es einmal eine
Antwort, oder bleibt al-les offen und in der Schwebe?
- Unser Leben heißt auch: in Verantwortung zu stehen. Da steckt das Wort Antwort ja drin. Geben wir eine Antwort über
unser Leben? Vor wem verantworten wir uns? Könnte es so etwas wie ein letztes Gericht geben, das uns zur Antwort einlädt -
in aller Liebe? Oder sind wir nur vor der Gesellschaft verantwortlich?
- User Leben heißt: Unruhe. "Unruhig ist unser Herz, bis dass es seine Ruhe findet in dir", betete einst der große
Augustinus. Könnte es diesen Punkt geben, wo nach so viel Bewegung und Unruhe alles zur Ruhe kommt, zum großen Aufatmen,
zum Himmel?
- Unser Leben heißt: Sehnsucht. So sind wir geschaffen - mit einer großen Sehnsucht, die nicht zu stillen ist. Unsere
Wünsche hören niemals auf. Hat sich Gott einen Spaß erlaubt, als er uns so schuf, so unstillbar und unheilbar sehnsüchtig,
oder gibt es nicht doch ein Ziel, eine Erfül-lung über unsere ganze Erfahrung hinaus?
- Leben heißt auch: ständige Ungerechtigkeit, die vermutlich immer weiter geht. Unsere Welt ist ungerecht. Oft genug
triumphiert der Mörder über sein Opfer, der Starke über den Schwachen. Die Lesung aus dem Makkabaerbuch hat eindrucksvoll davon
erzählt. Finden wir uns ab mit diesem Webfehler der Schöpfung, mit dieser Ungerechtigkeit? Oder protestieren wir und erwarten
darüber hinaus einen "neuen Himmel und eine neue Erde", eine Gerechtigkeit, in der die Dinge ins rechte Licht und ins rechte Lot
kommen?
Liebe Schwestern und Brüder, achten wir ruhig auf die Fragen, die so oder ähnlich ganz tief in unserer Existenz drin stecken.
Ungläubige sagen: es sind offene Fragen, unlösbar, man muss sie aushalten. Gläubige teilen diese Fragen mit ihnen, hoffen aber
zuversichtlich, dass es eine Antwort gibt, und dass Gott sie kennt und gibt. Das meint: "Jenseits" oder "Leben nach dem Tod" eine
göttliche Antwort und Erfüllung.
Die Antwort wird im Evangelium zum Schluss angedeutet: Gott ist kein Gott der Toten, sondern der Lebenden. Um mit dem großen
Künstler Michelangelo zu sprechen: "Ein Gott, der uns ins Dasein rief, wird uns im Tod doch wohl nicht im Stich lassen." Darauf
vertraue ich. Und das genügt mir!
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