Die Stimme des Herrn
Predigt 29.04.2007
Gestern wollte ich damit beginnen, die Predigt über die Stimme Jesu vorzubereiten. Vorher ging ich an den
Briefkasten und fand darin eine Packung Bad Emser Pastillen mit dem Beipackzettel "Zur Pflege Ihrer Stimme,
die an diesem Wochenende Großeinsatz hat". Ein lieber Mensch hatte mir also geschrieben, ich solle auf meine
Stimme achten, von wegen Heiserkeit und zu viel Reden. Es kommt ja nicht allein auf den Inhalt an, auf das,
was man sagt, sondern auch die Stimme ist wichtig, sie kann zum Inhalt hin einladen oder sie kann die Wege
verstellen.
Wir Dechanten des Bistums Essen waren im letzten Herbst gemeinsam in Sizilien und besuchten dort die wunderbare
Kathedrale von Monreale. Dort fand gerade eine Trauung statt. Der zelebrierende Priester hatte eine unglückliche
Liebe zum Mikrophon. Er sprach von der Liebe Gottes, aber er brüllte diese Botschaft so ins Mikrofon hinein,
dass es einem in den Ohren weh tat. Unser Bischof Genn flüsterte mir zu: "Die Liebe Gottes kommt hier wie mit
Peitschenschlägen." Die Stimme und die Botschaft müssen zusammenklingen, sonst " stimmt etwas nicht", wie wir
in unserer Sprache so treffend sagen.
" Meine Schafe hören auf meine Stimme", sagt Jesus heute im Evangelium. Was für eine Stimme mag Jesus gehabt haben?
Schade, dass es damals noch keine Tonkonserven gab! Aber man darf vermuten, dass die Stimme Jesu zu ihm passte,
zur Wirkung seiner Worte beitrug, dass sie einfach "stimmte", stimmig war. Nicht die Stimme eines Marktschreiers,
der seine Ware anpreist. Nicht eine Stimme, die sich einschmeichelt, um gut anzukommen. Nicht eine Stimme, die
"Süßholz raspelt" und den Leuten nach dem Munde redet. Wenn ich mich in meiner Phantasie einhöre in die Stimme Jesu,
dann lag in dieser Stimme wohl eine tiefe Ernsthaftigkeit und Festigkeit. Was er sagte, war nicht beliebig, war keine
bloße Meinung, so wie man in Talkshows Meinungen austauscht und alles unverbindlich bleibt. Jeder geht danach mit
seiner unveränderten Meinung wieder nach Hause. Bei Jesus: ganz anders. Ihm ging es nicht um irgendwas, um irgendwelche
Themen. Ihm ging es immer nur um die letzte Frage: um Gott. Die Leute spürten: Jesus liefert keinen Diskussionsbeitrag
zum Thema Gott, er gibt keine theologische Meinung ab, er redet, wie es im Neuen Testament heißt, "mit Vollmacht - nicht
wie die Schriftgelehrten". Er war sozusagen in Gott "eingetaucht"; er wusste und meinte nicht bloß. Und aus dieser
tiefen inneren Verbindung sprach er von der Liebe Gottes - wie aus einer Erfahrung heraus. Wenn Menschen aus Erfahrung
heraus reden, dann hört man ihnen ganz anders zu, als wenn sie nur irgendwelche Theorien oder Gedanken verkünden. Jesus
sprach aus Erfahrung heraus von Gott, von seiner Güte, und diese Güte lag sicher auch in seiner Stimme: eine konsequente,
feste Güte. Wahrheit hat also mit der " Stimmigkeit", mit der Stimme, mit dem Ton, mit der Schwingung und Wellen-länge
zu tun!
"Meine Schafe hören auf meine Stimme." Es ist spannend, eine Schafherde mit ihrem Hirten zu beobachten. Die Tiere hören
die Stimme des Hirten genau heraus. Wenn ein anderer sie ruft, folgen sie nicht. Nur seine Stimme "stimmt" für sie - denn
sie spüren, dass er sie kennt und um sie weiß und das Beste für sie will.
Liebe Schwestern und Brüder, der Gute Hirte Jesus hat es vorgelebt, dieses innere Verbundensein mit Gott und den Menschen.
Übrigens: Hirte heißt auf lateinisch Pastor - Die heutigen Hirten, Pastoren und alle in der Pastoral tätigen Männer und
Frauen sehen das als ihre wichtigste Aufgabe an: die Stimme Jesu den Menschen von heute zu Gehör bringen, sie in Berührung
bringen mit Ihm. Dafür sorgen, dass Seine Stimme unter den vielen Stimmen heute herausgehört werden kann und unverwechselbar
bleibt.
"Ich kenne die Schafe, ich rufe sie einzeln beim Namen," sagt Jesus. Als der Auferstandene im Garten Maria Magdalena begegnet,
hält er ihr keine Vorträge über die Auferstehung - er ruft sie beim Namen: Maria! Jeder einzelne Name, jeder einzelne Mensch
ist wichtig und zählt. Das hört man aus der Stimme Jesu heraus. Eine Stimme, die nicht droht und einschüchtert, sondern
befreit und ermutigt.
Diese Stimme hörbar zu machen - dazu ist die Pastoral da, dazu sind die Kirche und die Gemeinde da. Diese Stimme Jesu! Keine
Moral, nichts, was den Menschen in die Enge treibt. Die Stimme - das ist die Wahrheit, die dich zu dir selber bringt, die
dich im Innersten meint. Wenn wir diese Stimme Jesu hörbar machen, dann "stimmt es", dann können wir aus innerer Freiheit
und Überzeugung eine Antwort finden. Aber wir brauchen eben Menschen, geistliche Menschen in allen Berufen und mit allen
Schattierungen, die nicht stumm sind, sondern die ihre eigene Stimme einsetzen, ihre Glaubens-Stimme in Wort und Tat. In
ihrer Stimme schwingt dann etwas mit von der Stimme des Guten Hirten.
In diesen Tagen lese ich das Buch, das unser Papst veröffentlicht hat: Jesus von Nazareth. Das ist ja schon ein Phänomen,
dass der Papst in seiner knappen Freizeit noch ein Buch schreibt. Und das widmet er Jesus - wem sonst! Auch ein Versuch, die
ureigene Stimme Jesu zu Gehör zu bringen! Ich lese das Buch mit Freude und Zustimmung, weil ich den Ton des Guten Hirten
heraushöre und - bei allen möglichen unterschiedlichen Ansichten im Detail - die Stimme Jesu ins Herz und Hirn geht, in mir
Raum bekommt, in mir ein Echo findet.
So vieles kann helfen, Jesus Christus in uns zum Klingen zu bringen: ein Buch, vielleicht eher noch ein Gespräch, eine
Begegnung, ein Moment innerer Einsicht und Einkehr. Auch der Gottesdienst, und darin nicht zuletzt die Musik. Die Lieder und
Orgelstücke bringen Gottes Botschaft zum Kingen - mehr als bloße Worte es oft können. Sie "stimmen" aufs Evangelium ein und
lassen manchmal spüren, dass Gottes Wahrheit "stimmt" - wenn sie das Herz erreicht und die Schwingungen und die Wellenlänge
der Menschen trifft. "Wo man singt, da lass dich nieder. Böse Menschen haben keine Lieder", so weiß der Volksmund. Wenn etwas
nicht "stimmt", kann auch nichts zum Klingen kommen. So mündet alles Hineinhören in die Stimme Jesu in den Lobpreis Gottes.
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