Thomas
Predigt 15.04.2007
Stellen Sie sich mal vor, Sie finden in Ihrem Briefkasten einen Brief von jemand aus längst vergangener Zeit. Zum Beispiel von
dem Apostel Thomas. Vielleicht klänge es so:
Liebe Freunde in Christus,
Sie hören also diesen Sonntag, wie ich damals dem Auferstandenen begegnet bin. Ich möchte gern ein paar Dinge dazu sagen, denn
sonst könnte man mich vielleicht falsch verstehen.
Können Sie sich den Abend damals in Jerusalem vorstellen? Wie verzweifelt und verwirrt wir Jünger damals alle waren, als Jesus
umgebracht wurde? War er nun der Messias oder nicht? Wie sollte es weitergehen mit uns? Und dann kommt dieses Reden auf, vor
allem durch die Frauen: sie wären ihm begegnet, sie hätten ihn gesehen. Ich frag Sie: hätten Sie das so ohne weiteres geglaubt?
Halluzinationen sind das, Wunschbilder, Träume; so dachte ich. Und ich verstand sie ja so gut. Auch ich wünschte mir nichts mehr,
als dass es weiterginge mit Jesus und seiner Botschaft und seinem Programm.
Aber Wunschträumen nachhängen - das denn doch nicht. Man muss sich treu bleiben. Ich bin kein Träumer. Ich mag Illusionen
nicht. Ich liebe den klaren Kopf, der nachfragt, der es wissen will, der nicht alles Gerede so einfach hinnimmt. Das geht Ihnen doch
sicher auch so. Mögen Sie auch kritische Menschen, die mit beiden Beinen im Leben stehen? Glauben Sie alles unbesehen, was man
Ihnen erzählt? Ich denke, gerade Sie, die aufgeklärten Menschen des 21. Jahrhunderts, müssten mich doch besonders gut
verstehen!
Deshalb sagte ich: Das glaube ich erst, wenn ich seine Wunde berühren darf. Ich wollte die anderen wieder auf den Boden zurückholen,
verstehen Sie? Ich wollte ihnen die Hirngespinste nehmen…
Und dann kam Jesus und wie immer wusste er genau, was mich bewegte. Und er nahm mich beim Wort, und ich durfte ihn berühren. Ja,
ich bezeuge: er ist wirklich auferstanden. Ja, er ist wirklich der Messias, Gottes Sohn.
Und dann sagte er jenen Satz, der mir bis heute schwer im Magen liegt: " Weil du gesehen hast, glaubst du. Selig sind, die nicht
sehen und doch glauben!"
Ich denke bis heute nicht, dass Jesus damit meine Fragen und meine Skepsis ablehnen wollte. Meine Zweifel und mein Nachhaken hat
er bestimmt nicht zurückgewiesen. Sogar eurem Papst ist es ja heutzutage ganz wichtig, dass Glaube und Vernunft zusammengehen. Und
was einem Papst recht ist, ist mir auch billig! Jesus war immer auf unsere Fragen eingegangen: vor Diskussionen hat er sich nie
gedrückt. Und er hat uns zum Nachdenken aufgefordert, indem er oft in Gleichnissen zu uns sprach. Nein: denken und fragen - ja, auch
zweifeln -, hat Jesus seinen Jüngern nie verboten. Sonst hätte er mich, den Realisten, den Fragesteller, wohl nie in den Kreis
seiner engsten Mitarbeiter aufgenommen!
Der Zweifel ist ja nicht grundsätzlich schlecht. Er ist uns auch ein Stachel, ein Ansporn, sich auseinander zusetzen und weiterzudenken.
Und nur ein Mensch, der denkt, wird seiner ihm von Gott geschenkten Würde gerecht. Wie viel Schaden wird durch Menschen angerichtet,
die alles nur widerspruchslos und gedankenlos hinnehmen!
" Selig sind, die nicht sehen und doch glauben!" Ja, ich bin sicher: Jesus wollte damit nicht das eigene Denken und Fragen verbieten!
Was wollte er dann?
Er wollte wohl darauf hinweisen, dass fragen, nachforschen, nachdenken allein noch nicht genügt, um wirklich glauben zu können.
Heute, aus der Distanz betrachtet, weiß ich: Wichtig war an jenem Abend nicht, Jesus handgreiflich zu berühren. Wichtig war, ihm zu
begegnen. Die persönliche Begegnung mit Gott! In Ihrem täglichen Leben kennen Sie das doch auch: Wenn eine Beziehung zwischen
Menschen lebendig und fruchtbar und schön wird, liegt das nicht an Äußerlichkeiten, sondern ist eine Sache des Herzens. Das
Herz hat seine Gründe, die der Verstand nicht kennt, hat einer Eurer großen Denker - Pascal - gesagt. Recht hat er. Das
Entscheidende wird mit dem Herzen ausgemacht, nicht mit dem Kopf - aber auch nicht gegen ihn!
So ähnlich muss es wohl auch Jesus gemeint haben: Frage nach, forsche, gebrauche deine Sinne und deinen Verstand: versuch, zu verstehen!
Das ist für einen reifen, erwachsenen Glauben wichtig genug. Aber der Verstand liefert sozusagen nur das Skelett, das Knochengerüst;
ein gedankliches Gerüst… Nichts geht ohne das Herz, das nicht bloß Gefühl ist, sondern deine innere Mitte, das Zentrum deiner
Person, wo Du ganz Du selber bist, und wo Du Gott gegenüber stehst mit Deinem Gewissen, Deiner Liebe, Deinen Sehnsüchten - mit
allem, was Dich ausmacht. Eben Dein Herz! Deinem Herzen will Gott begegnen. Diese Begegnung mit Gott kannst du aber nicht herbei argumentieren.
Du kannst ihn in dein Leben hereinlassen, kannst Erfahrungen mit ihm machen, kannst Dich von ihm beschenken lassen…
Liebe Freunde in Christus, Sie haben im Gegensatz zu mir keine Wahl. Sie können Jesus nicht wie ich mit Händen greifen. Sie
müssen glauben, ohne zu sehen. Deshalb wollte ich Ihnen mit diesem Brief sagen, was ich damals vor so vielen Jahrhunderten gelernt habe:
entscheidend war nicht die Berührung der Wunde. Entscheidend war nicht der Beweis, wenn Sie so wollen. Entscheidend war die Begegnung im
Herzen mit dem lebendigen Gott. Und die bietet er Ihnen heute genauso an wie mir damals. Sprechen Sie mit ihm im Gebet, laden Sie ihn in
Ihr Leben ein. Ich kann Ihnen sagen: das wurde die tragende Erfahrung meines Lebens. Zeitlebens habe ich seine Botschaft weitergetragen
und sie mit meiner ganzen Kraft zu den Menschen gebracht, bis hin nach Indien, wo sich heute noch eine ganze christliche Kirche nach mir
benennt. Wäre das möglich, wenn ich der "Ungläubige" wäre, wie man mich oft nennt? Im Gegenteil: Als Glaubender lade ich
Sie zum Glauben ein - und zwar zu einem Glauben, der den Fragen und Zweifeln genau so standhält wie den dunklen Stunden des Lebens. Diesen
Glauben wünscht Ihnen von Herzen
Thomas
der Apostel, fälschlich genannt "der Ungläubige".
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