Türöffner Geist
Predigt Pfingsten 2007
Komm, heiliger Geist!
Wann wünsche ich mir den heiligen Geist herbei? Wenn alles tot und leblos ist und langweilig,
dass man einschlafen möchte, dann denke ich: Komm, heiliger Geist, bring etwas Begeisterung in
diesen toten Haufen…
Wenn die zündende Idee fehlt und alles in ausgelatschten Gleisen läuft, die niemanden mehr
aufregen, dann denke ich: Komm, heiliger Geist, entzünde du ein Feuer. Liefere den Funken,
der jetzt ansteht.
Wenn ich selber "von allen guten Geistern verlassen bin", ich den Boden unter mir verliere und
eigentlich nur noch Chaos in mir spüre, dann denke ich: Komm, heiliger Geist, hilf beim Aufräumen,
lass mich durchblicken.
Wenn Angst den Blick verengt und alle mutlos sind und sagen: Das klappt doch sowieso nicht, da
braucht man doch gar nicht erst anzufangen - dann denke ich: Komm, heiliger Geist, hol uns aus
der Sackgasse heraus, führ uns hinaus ins Weite.
Wenn wir nur um uns selber kreisen und z.B. in der Kirche nur noch vom Geld und von Strukturen
reden und gar nicht mehr zu den wirklichen Fragen kommen, dann denke ich: Komm, heiliger Geist,
und heiz uns ein mit deinen Feuerzungen, damit wir nicht im geistlosen Geschwafel landen…
Wenn wir uns gegenseitig "auf den Geist gehen" und der eine den anderen nicht mehr versteht und
nicht mehr verstehen will, dann denke ich: Komm, heiliger Geist, und wiederhole das Sprachenwunder,
dass Menschen sich von innen her verstehen.
Wenn wir den hl. Geist nur als eine fromme Vokabel betrachten - gerade mal gut fürs Pfingstfest,
fürs Credo und für die Dreifaltigkeit - dann denke ich: Komm, heiliger Geist, zeig deine Kraft,
deine Power, zeig, dass du wirklich bist , dass du lebendig bist - dass wir wieder mit dir
rechnen.
Sie sehen, ich habe Grund und Anlass genug, den heiligen Geist oft herbeizuwünschen. Ich denke,
sage, bete oft: Komm!
Was mich besonders stört, ist der letzte Punkt von gerade - der mit der frommen Vokabel. Der
heilige Geist ist uns dann so "heilig", so weit weg, so abstrakt, nur noch der "Katechismusheiligegeist",
der uns eigentlich gar nicht betrifft - dass wir gar nicht merken, wenn er kommt und wie er kommt.
Nicht immer mit großem Getöse und Brausen, nicht bloß auf Weltjugendtagen und Papstreisen, nicht
unbedingt in den Räumen der Religion. Er weht, wo er will. Er weht, wann er will. Er weht, durch wen
er will. Er weht manchmal heftig und oft sehr diskret und leise. Erkennbar ist er an den Wirkungen.
Ein Beispiel für heftiges Wirken: Ein Mensch, Kirchgänger und aktiv in der Gemeinde, gerät in eine
schwere Lebenskrise. In dieser Krise erkennt er plötzlich, dass Gott - sein Gott - eigentlich nur
ein Gott für den Sonntagmorgen war. Er merkt , dass er nie wirklich gebetet hat, nie wirklich vertraut
hat, nie nach dem Willen Gottes für sein Leben gefragt hat. Jetzt erst "erwacht" Gott richtig in ihm.
Durch eine leidvolle Krise hindurch! "Danach," so erzählt er später," war mein Glauben ganz anders.
Er war wirklich geworden, es war etwas in mir geöffnet, aufgeschlossen worden." Ich glaube, der große
Öffner unseres Herzens ist der heilige Geist. Wir können das nicht selber machen, es geschieht an uns.
In dem Roman "Die Welt der schönen Bilder" (Simone de Beauvoir) wird erzählt von einer reichen Dame der
Pariser Gesellschaft, die ganz eingeschlossen lebt in einer Welt des Luxus. Sie denkt vor allem ans
Tennisspielen, an Modenschau und Kunstausstellungen und vernachlässigt darüber ihre kleine Tochter.
Eines Abends fragt diese vor dem Zubettgehen." Mama, wozu leben wir eigentlich?" Diese Frage trifft
die Mutter ins Herz, sie wird von nun an ihren bisherigen Lebensstil in Frage stellen. Mama, wozu leben
wir eigentlich? Von außen, durch die Tochter, kommt die bisher immer unterdrück-te Sinnfrage an die Mutter
heran, und wieder wird da jemand auf-geschlossen… Heftiges Wehen des Geistes, der uns lehrt, die richtigen
Fragen zu stellen und zwischen Wesentlichem und Nebensächlichem zu unterscheiden.
Der Geist Gottes als der große Türöffner… Im Religionsunterricht habe ich vor Zeiten die Pfingstgeschichte
von den Kindern pantomimisch spielen lassen. Es gibt ein Vorher und ein Nachher in der Geschichte. Die Kinder
spielten die Jünger nach. Vorher hatten die Jünger Angst, sie haben sich ver-krochen, sie tagen hinter
verschlossenen Türen. Die Kinder hockten da in der Pantomime sozusagen mit schlotternden Knien, mit
verschränkten Armen, die ganze Körpersprache drückte Angst und Mutlosigkeit aus. Der Kreuzestod Jesu hatte
die Jünger in eine tiefe Krise gebracht, die Erfahrung von Ostern war noch nicht richtig "angekommen",
noch nicht verarbeitetet, die Unsicherheit und Ratlosig-keit der Jünger kann man wohl nachvollziehen. Und
dann das Nachher in der Geschichte, nach dem Kommen des Pfingstgeistes: Die Kinder sprangen auf, die
Körpersprache wechselte zu Freude und Begeisterung, sie rissen die Türen auf und stürzten hinaus. Die Lehrer
in den Nachbarklassen wunderten sich dann jedes Mal über diesen geräuschvollen Aufbruch bzw. sagten sich:
"Der Kaplan lässt mal wieder Pfingsten spielen." Aber so war es ja auch: den Jüngern wurde eine Kraft, eine
"Power" und Zuversicht geschenkt, die sie bis an die Enden der Erde drängte. Das mit den verschlossenen
Türen war vorbei, sie rissen die Türen und Fenster auf, und einer der Jünger, Thomas, findet sich später
in Indien. Paulus, der zu Pfingsten noch nicht dabei war, danach aber umso heftiger vom Geist Gottes berührt
wird, reist durch die ganze Welt bis nach Spanien. Er vor allem führt die junge Kirche aus dem engen Gehäuse
der jüdischen Umwelt heraus und öffnet die Tür in die Heidenwelt - als Werkzeug des hl. Geistes, wie er immer
wieder betont.
Der Geist Gottes öffnet Türen und führt uns hinaus ins Weite. Auch bei uns.
Nun sind wir nicht Paulus oder Thomas, und die Begeisterung des Anfangs stellt sich nach zweitausend Jahren
anders dar. "Der Rausch der Verzückung muss es nicht sein, Jubel und Gestikulieren," dichtete Lothar Zenetti.
"Doch gib uns den Geist, deinen heiligen Geist, dass wir den Mut nicht verlie-ren." Sein Wehen ist heute meistens
still und diskret - nichts für die Zeitungen. Immer wieder gehen Türen leise auf, die sonst verschlossen blieben:
Türen in einem selbst: Ich fühle mich nicht mehr "zu", ich kreise nicht mehr um mich selbst, ich sehe Neuland
und Weite.
Türen zu den anderen: Ich höre hin und werde gehört. Ich verstehe und werde verstanden. Auch die fremden Sprachen
der verschiedenen Nationen, Generationen oder sozialen Schichten trennen nicht mehr, weil das "Herz" sich in jeder
Sprache ausdrücken kann.
Türen zu Gott: Wenn der Geist kommt, wird Gott lebendig in mir, ich bete dann gerne, und es ist mir wichtig, den
Glauben zu teilen und anderen mitzuteilen. Ich höre auf, ein bloßer Kunde und Konsu-ment des Glaubens zu sein.
Ich spüre Verantwortung und wachse hinein in die Reihe der Mittäter des Glaubens.
Liebe Schwestern und Brüder, Pfingsten ist alles andere als ein Ausflug- und Ausschlaftag. Es ist ein Tag zum
Wachwerden, zum Mündigwerden im Glauben. Einmal gefirmt sein ist dafür nicht genug. Wach und "firm" in dieser
Welt zu leben, geistes-gegenwärtig, beflügelt und herausgefordert vom heiligen Geist - das ist mein pfingstlicher
Wunsch für uns alle.
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