Die vier Jahreszeiten
Predigt 31.12.2007
In diesem Jahr ist zu Recht viel vom Klima die Rede gewesen. Wir haben hier bei uns noch das besondere Glück,
die vier Jahreszeiten sehr unterschiedlich zu erleben. Manche Menschen haben so ihre Lieblingsjahreszeiten, sind
wetterabhängig; beim typischen Lüdenscheider Schmuddelwetter - wie jetzt - "kriegen sie die Krise" (also ziemlich
oft und lange!), und die warmen und sonnigen Tage werden um so mehr genossen…
Wir verabschieden uns dankbar vom Jahr 2007. Es ist jetzt vergangen und liegt hinter uns. Greifen wir noch einmal
die Jahreszeiten heraus - was bedeuten sie uns, was ist Winter oder Frühling in unserem Leben?
Beginnen wir mit dem Frühling.
Damit verbinden wir alles, was neu aufgeblüht ist in unserem Leben. Die kahlen Äste können - wie in der Natur -
auch bei uns und in uns wieder neu grünen und blühen. Neue Knospen und zarte Pflänzchen trauen sich hervor. Es muss
nicht alles beim Alten bleiben. Menschen können nach einer Zeit des Rückzugs wieder neu aus sich herausgehen und
manches in ihrem Leben neu entdecken. Neue Lebenslust kann sprühen. Mancher ist in den zweiten oder dritten Frühling
gekommen.
Frühling - das ist sozusagen das Klima um Jesus Christus herum! Ängstliche, gelähmte und blockierte Menschen sind
ihm begegnet und dadurch wieder auf die Beine gekommen. Jesus hinterlässt ein großes Aufblühen. Menschen wagen nun
etwas, das sie sich selber kaum zugetraut hätten. Sie können neu anfangen mit sich, mit Gott und mit den anderen.
In der Frühlingsluft liegt sozusagen das Vertrauen.
Unsere Pfarrei St. Medardus erlebte 2007 ihre ersten Frühlingstage. Manches ist noch neu und ungewohnt. Der Wille
zur Zusammenarbeit ist da. Die Gremien - Pastoralteam, KV und PGR - kommen gut miteinander zurecht und ziehen wirklich
an einem Strick. Sie verständigen sich darüber, wo sie die Herausforderungen, die Chancen und die Probleme für die Zukunft
sehen. Wie könnte Pfarrei und Gemeinde in zwanzig Jahren aussehen? Wie stellen wir uns darauf ein? Wie können wir mithelfen,
dass der gemeinsame Glaube der Menschen an Gott auch in Zukunft blüht und Knospen trägt? Dass Frühlingsduft in der Luft
liegt und nicht bloß das Gefühl von Abbau, Resignation und Weniger-werden? Wir beginnen jetzt mit der Arbeit an einem
Pastoralplan - in den fließen die Ideen, Wahrnehmungen und Ziele möglichst vieler Menschen ein. In zwei Hearings haben wir
uns schon darüber ausgetauscht. Ein Teilnehmer brachte dort seine Sicht der großen Pfarrei auf den Punkt: "Ich freue mich,
dass ich durch die Pfarrei viele neue Leute kennen gelernt habe." Im Übrigen hilft unsere schöne neue Pfarreizeitung PORTAL
in diesem Prozess des Kennenlernens ...
Auch im privaten Leben war der Frühling für manche unter uns die wichtigste Erfahrung. Sie haben - in Gottes Namen -
geheiratet (18 Paare bei uns) oder ein Kind bekommen, eine Taufe gefeiert (54 Kinder) oder die Erstkommunion (fast genau so
viel: 53), eine neue Arbeit begonnen, sind umgezogen oder haben sonst wie einen neuen Anfang gewagt. Wir können uns deshalb
fragen: Wo gab es für mich persönlich eine Frühlingserfahrung, einen Neuanfang, etwas, das neu aufgeblüht ist in mir, - und
was ist daraus geworden?
Nun der Sommer.
Der Sommer ist in der Regel die Zeit der langen hellen Abende, der Sommerfeste und Grillparties, der Sonne und der Hitze,
manchmal auch des schwülen Wetters und der heftigen Gewitter. Das Gefühl einer Pause liegt in der Luft, einer Unterbrechung.
Es gibt Ferien, Urlaubs- und Reisezeit. Schön für alle, die verreisen können! Einmal etwas ganz anderes sehen und erleben,
eine Alternative zum Alltag!
Sommererfahrung mit Jesus: Er lädt damals wie heute Menschen ein, mitzukommen mit ihm "an einen einsamen Ort", wie es immer
wieder heißt. Sie sollen aufatmen und ausruhen, zu sich kommen und neue Kraft schöpfen. Er weiß, wie beladen und geplagt viele
sind vom Leben. Er weiß, was Menschen alles mit sich herumschleppen, woran sie schwer tragen, wie die Arbeit oder die familiäre
Situation an den Kräften zehrt …
Sommererfahrung der Kirche: Der Sonntag. Gut, dass es den Sonntag gibt, diese große Wochenunterbrechung, die uns davor bewahrt,
in Arbeit und Alltag aufzugehen. Die Eucharistie und der Sinn dafür, darin Gott und das Leben zu feiern. Die Feste der Kirche,
wie jetzt zuletzt Weihnachten. Mit alldem ist den Menschen und der Welt viel Gutes und Heilsames gegeben - auch wenn viele das
nicht mehr verstehen und würdigen können und kräftig an diesen guten Gaben Gottes sägen - durch Sonntagsarbeit oder die
schreckliche Banalisierung der Feste.
Sommererfahrung weiterhin: Oasen des Glaubens. Demnächst in der Fastenzeit das Angebot von "Exerzitien für den Alltag", wo jeder
mitmachen kann. Gönn' dir selbst eine Auszeit, eine Pause - denn "unsere Seelen kommen nicht mit".
Schließlich: Reiseerfahrungen. Ferienfreizeit von Kindern und Jugendlichen in Dänemark. Die Firmlinge fuhren nach Taizé,
Gemeindegruppen nach Bayern, Slowenien und Polen. Alle kamen bereichert zurück, mit vielen Erfahrungen von Gottes weiter Welt.
Es folgt der Herbst.
Der hat mindestens zwei Seiten: den "goldenen Oktober" und den ziemlich düsteren November. Die schönen goldfarbenen Tage mit dem
milden Licht und dann die nasskalten und unfreundlichen Zeiten, in denen mancher sich am liebsten verkriechen würde.
Mit dem Herbst verbindet man auch die Zeit der Reife, der Fülle und der Ernte, der vielen guten Früchte dieser Erde und der
menschlichen Arbeit. Die Zeit, in der man - gerade im Garten und in der Landwirtschaft - erfahren kann, wie sehr sich die vorherige
Mühe gelohnt hat.
Es ist aber auch die Zeit der fallenden Blätter: man denkt an Verblühen und Vergänglichkeit. Die Tage werden kurz und die
Nächte sehr lang - Zeichen für alle dunklen Seiten und Zeiten des Lebens, für Tod und Trauer.
Oft ist unser Leben so zwiespältig wie der Herbst. Die Ernte, und dicht daneben die Abgründe und Schluchten - aber über allem
steht die Zusage Gottes, dass er mit uns ist - in dem großen und guten Mitgeher Jesus Christus.
Herbst im Bistum Essen: 2008 feiern wir den fünfzigsten Geburtstag. Das ist eine Art Erntedank. In den 50 Jahren ist viel Gutes
geschehen und gewachsen. Dennoch ist die Stimmung nicht richtig nach Feiern. Aus den bekannten Gründen werden fast hundert Kirchen
zugemacht. Gemeinden sterben, und Christen trauern. Es wird Zeit brauchen für diesen Prozess des Abschieds, der hoffentlich nur ein
Abschied von einer ganz konkreten Gestalt der Gemeinde - und nicht eine Verabschiedung von Gott und von der Kirche ist.
Für manche von uns waren im vergangenen Jahr Krankheit und Trauer wegen des Verlustes eines lieben Menschen (73 Verstorbene in
unserer Gemeinde) besonders bedrückend. Hoffentlich gab und gibt es für sie Zeichen der Anteilnahme, des Trostes und der Hoffnung -
Menschen, die einfach da sind, wenn man sie braucht.
Mit der Erntezeit des Herbstes kann sich aber auch die Frage verbinden:
Wo konnte ich persönlich Früchte und vielleicht auch Dank ernten in meiner Arbeit und in meinen Engagements? Wo konnte ein anderer
durch mich ernten? Habe ich mit Dank, mit Lob und Anerkennung gegeizt? Danke ich Gott für mein Leben?
Schließlich: der Winter.
Kälte, Frost, in früheren Zeiten auch Eis und Schnee. Neben seinen Schönheiten steht er auch für all das, was in uns
erstarren, erfrieren und absterben kann.
Vor vielen Jahren schon wurde das Wort von einer "winterlichen Kirche" geprägt, Kirche im glaubensmüden Europa, in die sich manche
zurückziehen oder auswandern, in der andere versuchen zu überwintern und wieder andere ihren Winterschlaf halten. Alle gemeinsam aber
finden es richtig kalt dort.
Doch gibt es noch einmal eine andere Seite des Winters. In dieser Zeit sammelt die Natur neue Kräfte, obwohl nach außen alles noch
wie tot erscheint. Im Bildwort vom Weizenkorn sagt Jesus, dass manches in uns sterben muss, wenn es zu neuem Leben kommen will. Wir
feiern dieses Geheimnis in jeder Eucharistie, damit auch in unserem alltäglichen Leben die heilenden und verwandelnden Kräfte wirken
können.
So lässt uns auch das, was hintergründig im Winter geschieht, hoffnungs- und vertrauensvoll in die Zukunft blicken: ins JAHR DES HERRN
2008.
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