Medardus
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Katholische Kirchengemeinde St. Joseph und Medardus - Jockuschstraße 12 - 58511 Lüdenscheid - Tel. 02351 / 66400-0

KrippeWas wäre, wenn ...

Predigt Weihnachten 2006


"Was wäre, wenn Marias Kind schon früh an Diphtherie gestorben wäre?" fragte eine Zeitung dick in ihrer Überschrift. Ja, was wäre, wenn Jesus garnicht zur Welt gekommen oder gleich an einer Kinderkrankheit gestorben wäre? Was würde uns fehlen, wenn uns Christus fehlte?

Nun, mit Sicherheit wären wir nicht hier, oder höchstens zu einer Jahresabschlussfeier. Oder zu einem Winterfest. Hier und da begeht man das ja schon. Hier und da spricht man öffentlich nicht mehr von Weihnachten, um Andersdenkende oder andere Religionen nicht zu provozieren. Irgendwas mit Natur bliebe dann noch übrig: Wintersonnenwendfeier vielleicht, mit oder ohne Weihnachtsmann - der wäre auch ohne Christus denkbar. Auch der Tannenbaum brauchte nicht zu fehlen, auch nicht die Geschenke und auch nicht das Fest der Familie: ein wenig menschliche Wärme in kalten Zeiten. Diese Wärme ist wichtig, und wir brauchen sie. Wir brauchen sie, dass Familien wieder mehr zusammenkommen.

Aber das alles ist noch nicht Weihnachten. Für das alles brauchen wir nicht Christus. Das kriegen wir zur Not auch noch alleine hin. Also: Was würde uns fehlen, wenn er nicht gekommen wäre?

Heinrich Böll, der große Schriftsteller, schrieb einmal: "Selbst die allerschlechteste christliche Welt würde ich vorziehen der besten heidnischen, gottlosen Welt. Warum? Weil es in einer christlichen Welt Raum gibt für die, denen eine gottlose Welt nie wirklich Raum gab: für Krüppel und Kranke, Alte und Schwache. Ja, mehr noch also Raum gab es für sie: - Liebe! Liebe, Aufmerksamkeit für die, die einer Welt ohne Gott nutzlos erscheinen. Ich glaube an Christus, und ich glaube, dass zwei Milliarden Christen das Gesicht dieser Welt verändern könnten!"

Inzwischen haben wir uns daran gewöhnt: an die Würde des Menschen. Wir sagen, dass jede Person einmalig ist. Wir wissen um Hospize für Schwerkranke, um Mutter Teresa und um Nonnen in Slums und auf Müllkippen.

Wir haben uns gewöhnt an den schlichten Gedanken, dass wir alle Menschen sind: egal, welche Rasse und Hautfarbe, egal, welche Klasse und soziale Schicht, egal, ob Mann oder Frau, egal, ob dumm oder schlau - wir sind alle Menschen.

Aber: der Gedanke ist garnicht so schlicht und selbstverständlich - er hat sich erst im Laufe der Geschichte langsam durchgesetzt. Durch viele Kämpfe hindurch und viele Missverständnisse. Dabei war alles schon bei Christus da - zum ersten Mal hören wir es bei ihm: Kinder Gottes! Schwestern und Brüder! Eine Welt! Menschenwürde! Klar gedacht und klar vorgelebt, bis in den Tod. Die Lesung sagt: Wir sind Erben, Erben dieses Christus.

Auch, wenn die Gesellschaft vergessen hat, woher sie das hat und ihren christlichen Ursprung verleugnet und sich fast für ihn schämt: Wir sind Erben! Und wir ahnen zumindest: diese Erbschaft verpflichtet! Zum Beispiel der Blick für die Armen, der Blick für die Kranken, der Widerstand gegen dieses geheime Etikett, das so viele abstempelt: Nutzlos! Altes Eisen! Ausgedient!
Die Erben Christi sind die Erben des Kindes in der Krippe und des Mannes am Kreuz, der den Menschen immer in seiner Würde sah. Und dem der kalte Zorn hochgekommen wäre beim Zusehen, welche Debatten wir uns heute leisten und wie die Menschen heute behandelt werden. - Jesus Christus hätte viel Grund zum Zorn heute. Und seine Erben hätten und haben viel zu tun, "das Gesicht der Erde zu verändern". Die Erben - wir - haben damit zu tun, für das christliche Bild vom Menschen zu werben: für das Kind Gottes, dessen Recht auf Leben man nicht antasten darf, das man nicht zur Handelsware, zum Sexobjekt erniedrigen darf, zur Schachfigur, die man nach Belieben hin- und herschieben kann ...

Liebe Brüder und Schwestern - achten Sie auf die Anrede: Sie werden hier nicht betrachtet als Kunden, als mögliche Kollektengeber, nicht als gesichtslose Masse, die zu Weihnachten in die Kirche drängt, nicht als verlorene Einzelne - sondern als Brüder, Schwestern. So will es Jesus, und ganz langsam entdecken wir, was er eigentlich damit meint - mit Menschenwürde.

Auf Würde reimt sich Hürde. Scheinbar ist die Würde nur über Hürden zu erreichen, unser Weg oft ein Hürdenlauf.
Ein junger Mann, der - wie man so sagt - ins Leben tritt, hat viele Hürden zu nehmen, bis er sich und vielleicht seine neue Familie ernähren kann. In der "Generation Praktikum" ist das nicht leicht. Hoffentlich kann er sich als erwünscht erleben. Hoffentlich siegen nicht Konten über Menschen.

"Gottes Sehnsucht ist der Mensch," sagt Augustinus. Gottes Sehnsucht ist der Mensch - nichts anderes. Sehen Sie: das ist Weihnachten. Gottes Sehnsucht - der Mensch, ganz konkret. Und darum: Gott wird Mensch, ganz konkret, mit Haut und Haar, mit Windeln und Läusen im Stall, mit Krippe und Kreuz. Gott möchte einer von uns sein. Der Schöpfer ist Geschöpf. Seine Bewegung ist: absteigen, den Menschen nahe kommen, alles drangeben, was noch trennen könnte.
Gott wird Mensch, das heißt: in jedem Menschen leuchtet etwas von Gott auf. In jedem Menschen wohnt Gott.

Gott wird Mensch. In einem Schulgottesdienst in diesen Tagen lag vor dem Altar ein großes Geschenkpaket. Die Kinder drängten danach, es auszupacken. Es war spannend gemacht: in jedem ausgepackten Paket steckte wieder ein kleineres Geschenk. Viel Verpackung, und dann schließlich - die Kinder wurden schon unruhig - der "harte Kern", das eigentliche Geschenk: das Kind in der Krippe.
Bleiben wir nicht in der Verpackung hängen, dringen wir zum "harten Kern" durch: das Kind in der Krippe ist ein Geschenk, ist reine Gnade...
Gnade - eine Spur davon in einer gnadenlosen Welt. Großzügigkeit in einer Welt, die nur noch vom Sparen redet.

Großzügigkeit. Da gibt es die Gemeinschaft San Egidio in Rom, die lädt zu Weihnachten viele Arme von Rom in die Kirche ein, und dort werden die Armen wie die Fürsten bewirtet. Champagner fließt, man tafelt "wie Gott in Frankreich". Stundenlang. Ein wirkliches Festmahl spielt sich da ab, und es zeigt: der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern auch von solchen Zeichen. Von Zeichen der Freude und Schönheit - und Großzügigkeit - und Menschenfreundlichkeit. Von Weite und Gnade... Manchmal von einer Rose oder von Musik.
Und jetzt von Weihnachten, vom Geschenk dieses Kindes. Wir leben nicht nur von unserer Leistung, nicht nur vom Selbstverdienten. Wir leben vielleicht stärker noch vom Geschenk. Lassen wir uns ruhig und gern beschenken in diesen Tagen - ohne immer gleich sofort die Geschenke erwiedern zu müssen, ohne Verlegenheit, wenn wir selber nichts in der Hand haben. Lassen wir uns beschenken von dem göttlichen Kind, das nichts hat und doch alles gibt.

Ihnen allen gesegnete Weihnachten.

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