Christus und Thomas - das Wiedersehen
Ruhrwort 23. April 2006
Das Bild hängt neben meinem Bett, hängt auch im Beichtraum unserer Kirche. Vor gut 30 Jahren war es mein Primizbild.
Es begleitet mich - manchmal auch in die Schule, wo die Kinder die linke Figur auf Anhieb für Jesus halten. Warum?
"Der steht so gerade da." Und der andere? "Der ist so krumm." Wir spielen dann Satzzeichen durch: Jesus wirkt wie ein
Ausrufezeichen, der andere wie ein Fragezeichen.
Der andere ist Thomas, der "ungläubige Thomas", wie man ihn fast automatisch nennt. Er steht da für jeden - wirklich
jeden Menschen, der mit seinen Lasten zu Jesus kommt.
"Krummes Holz", so nannte der große Philosoph Immanuel Kant den Menschen. Ein lebendes Fragezeichen ist der Mensch,
"in sich zurückgebogen" (Martin Luther) und krumm unter dem Druck von Unsicherheit, Zweifel und Schuld. Aber er muss
seine Verbiegungen vor Jesus nicht verstecken. Der Auferstandene schaut in der Skulptur wie in weite Fernen, sein Blick
geht ins Neuland, aber er hält den Thomas fest. Dessen Wunsch, Jesus zu sehen und zu berühren, wird nicht abgewiesen.
"Was ich von Jesus halte? Dass er mich hält!", textet Lothar Zenetti meisterhaft kurz. Dass er uns alle noch heute hält,
ist auch unsere Hoffnung. Keine menschliche Verbiegung und kein Sündenfall kann uns daran hindern, uns von ihm halten zu
lassen ...
Aber der Thomas kann doch nicht ewig in den Armen Jesu liegen, sage ich zu den Kindern in der Schule. "Nein, braucht er
auch nicht! Er geht später weg, aber anders: aufrecht," meint ein Neunjähriger (Kinder mit solchen Antworten gibt es immer
noch!). Er geht den "aufrechten Gang". der nicht nur die Wunschhaltung der neuzeitlichen Aufklärer und Emanzipationsvertreter
ist, sondern - viel länger schon - die Frucht der Jesusnähe. Das "krumme Holz" bleibt, die Schuld und der Tod, aber der
"aufrechte Gang" kommt hinzu, im tiefsten der österliche Glaube an die Auferstehung. Bettina Wegener lässt noch in der
alten DDR ihr Kinderlied "Sind so kleine Hände" mit diesen Worten enden: "Klare, gerade Menschen wär’n ein schönes Ziel,
Leute ohne Rückgrad ha’m wir schon zuviel."
Thomas wird aufrecht wie Jesus, mit geradem Rückgrad. Damit, so erzählt die Tradition, kommt er bis nach Indien. Er wird
zum lebenden Ausrufezeichen. Die Osterbotschaft jedenfalls, die Thomas verkündet, muss man sich mit vielen Ausrufezeichen
vorstellen: Jesus lebt !!!
Uns heutigen Christen stände es gut an, etwas weniger in der Frageform und etwas mehr in der Ausrufeform zu reden und zu leben.
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